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			<title>RSS-Feed Blaulichtgeschichten</title>
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			<copyright>Blaulichtgeschichten 2006</copyright>
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		<title>"Einerseits erfolgreich" von Paul</title>
		<link>http://www.blaulichtgeschichten.de/blaulichtgeschichten/paul/einerseits-erfolgreich.html</link>
		<description><![CDATA[ <p>Sonntagmorgen, sieben Uhr. Ich bin kurz wach und gucke auf die Uhr. „Genial, du kannst noch schlafen! Musst nur nachher noch deinen Pieper umstellen …“, denke ich mir und drehe mich um. Dieser Plan wird jedoch von der in diesem Moment von draußen ertönenden Sirene und dem weniger Momente später auslösenden Pieper über den Haufen geworfen. Schnell springe ich aus dem Bett, schaue auf dem Piepser nach, was anliegt. Ich wohne leider in einem Funkloch und so bleibt mir diese Information vorbehalten. Egal, du erfährst es früh genug. Ich ziehe mir die Einsatzhose an und laufe zum Feuerwehrhaus. Mal wieder der Erste. Ohne Schlüssel kann man dann nur warten. Ein paar Momente später kommen ein paar Kameraden mit ihren Autos auf den Hof gefahren. „Du hast schon was an, sehr gut, dann mach schnell das Tor auf!“, begrüßt mich ein Kamerad.</p>

<p>Während ich das Tor hochziehe, frage ich: „Was liegt eigentlich an?“ „Verkehrsunfall in A-Dorf am Bahnübergang.“ Hm. Das kann alles Mögliche sein. Kurz darauf sitze ich im Fahrzeug und mit Sondersignal geht es in den Nachbarort. Unser Gruppenführer schaut nach hinten. „Verkehrsunfall, dann zieht euch schon mal Handschuhe an …“ Gesagt, getan. Inzwischen hat sich das Einsatzstichwort zu „Person unter Zug“ verändert. Über Funk wird gemeldet, dass die Feuerwehr A-Dorf an der Einsatzstelle angekommen ist. Gott sei Dank - wir sind nicht die Ersten! Als wir in den Ort hineinfahren, hören wir auf dem Funkkanal: „Person liegt auf dem Gleis und lebt“. Stille. Damit hat keiner gerechnet.</p> 

<p>Wir sind da. Am Bahnübergang stehen bereits mehrere Fahrzeuge, auch schon Rettungswagen und Notarztfahrzeug. Unser Gruppenführer wirft sich seine Funktionsweste über und dreht sich nochmal um: „Bringt mal die ganze First-Responder-Ausrüstung an den Übergang. Ich gehe mal zu den anderen Führungskräften. Während er sich auf den Weg macht, ziehe ich die Absaugpumpe aus der Verankerung, setze den Notfallrucksack auf und gehe mit einem Kameraden, der die restliche Ausrüstung trägt, in Richtung der Gleise.</p> 

<p>Er ist Rettungsassistent, hat das alles schon mal gesehen und geht forschen Schrittes vor. „Nicht so weit!“, denke ich mir. „Halte dich bloß zurück, das wird schlimm aussehen!“ Neben der Schranke stellen wir die Sachen ab und schauen in Richtung der Verletzten. Fünfzig Meter von uns entfernt knien vier vom Rettungsdienst und versorgen die Patientin. Weitere hundert Meter davon entfernt steht ein Güterzug.</p>

<p>„Unsere Ausrüstung wird nicht mehr benötigt. Ihr könnt sie wieder zurück bringen“, sagt uns unser Gruppenführer wenige Augenblicke später. Soll mir ganz recht sein. Am Fahrzeug angekommen, hören wir, dass <a class="infobox" href="#">Christoph XY<span>Name für Rettungshubschrauber</span></a> ebenso angefordert wird. Wir stehen noch fünf Minuten am Fahrzeug, sehen, wie die Person in den RTW gebracht wird und schweigen überwiegend, bevor unser Gruppenführer den Befehl zum Abrücken gibt. Als wir starten, fliegt der Rettungshubschrauber über uns weg und landet. Er wird die Person in die <a class="infobox" href="#">MHH<span>Medizinische Hochschule Hannover</span></a> bringen. Über Funk hören wir, wie ein weiterer RTW und der Notfallseelsorger angefordert werden. Es muss sich auch um den Lokführer gekümmert werden. Warum wir das nicht machen mussten, bleibt offen.</p> 

<p>Zuhause angekommen lege ich mich nochmal einen Moment ins Bett. Ich sehe das Bild vor mir, der Rettungsdienst, der die Verletzte versorgt und den dahinter stehenden Zug. Ich frage mich, ob es ein Unfall oder ein Suizid war. Und mache mir klar, dass das dazugehört und ich froh sein kann, die Betroffene nicht genauer gesehen habe.</p>

<p>In den nächsten Tagen kommt heraus, dass die Verletzte um die 20 Jahre alt ist, schwerstverletzt wurde und es ein Suizidversuch war. Keine bekannte Person. Kam aus der Nachbargemeinde. Der Schaffner hatte sie schon von Weitem gesehen und versucht zu bremsen, nahezu erfolglos bei einem voll beladenen Autozug. Die junge Frau wurde weggeschleudert und schlug hart auf den Gleisen auf. Letztens habe ich gehört, sie soll überlebt haben und im Rollstuhl sitzen. Der Rettungskräfte haben ihr Bestes gegeben und waren erfolgreich. Einerseits ...</p>   ]]></description>
		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 11:29:03 +0100</pubDate>
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</item><item>
		<title>"„Jetzt ‘nen schönen VU ...“" von Andreas</title>
		<link>http://www.blaulichtgeschichten.de/blaulichtgeschichten/andreas1/jetzt-nen-schoenen-vu.html</link>
		<description><![CDATA[           
<p>Es war ein schöner Sommertag, dieser Freitag. Irgendwo  waren die ersten Schulferien angebrochen, aber da ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Kinder hatte, interessierte mich das wenig. Die Sonne schien, ließ auf ein Wochenende irgendwo am Wasser hoffen. Wir hatten als RTW-Besatzung Langeweile, genau wie das zweite Team und der NEF-Fahrer. Die zwölf Stunden-Schicht zog sich ohne nennenswerte Vorkommnisse hin, lediglich eine Fahrt verhinderte bislang die Nullrunde. Sogar unsere KTWs hatten wenig zu tun. Also lümmelten  wir uns nach dem Mittagessen im Rudel auf die Sessel und Sofas der Rettungswache. „Booah, is datt langweilich! Haste mal’n Rätselheft für Omma?“ flachste einer, irgendwer meinte: „Jetzt ‘nen schönen <a class="infobox" href="#">VU<span>Verkehrsunfall</span></a> ...“ „Oh ja!“ „Och nö, lieber noch einen Kaffee!“ Selbst auf ostfriesischen Rettungswachen ist Kaffee  der Treibstoff, der uns am Laufen hält. An so einem Tag allerdings nur zum Klo. VU ist übrigens die Abkürzung für Verkehrsunfall. Ein VU stellt uns vor Herausforderungen, die nicht nach Schema F ablaufen, wie z.B. ein Herzinfarkt.  Wenn man die Herausforderung bewältigt, kann ein VU schön sein. </p>    

<p>In diese träge Stimmung und Philosphie hinein platzte die erste Fünftonmelodie. Damals hatten wir noch FME, die analog arbeiteten und ab der Alarmierung auch das Mithören des Funkverkehrs erlaubten. Normalerweise heißt es Fünftonfolge, weil nach eben diesen Anfangstönen ein langes Piepen die anschließende Durchsage mit den Einsatzdaten einleitet. Mehr oder weniger gespannt warteten wir also auf den Grund der mittäglichen Ruhestörung. Diese erste Folge war nur der Anfang. Eine schier endlose Reihe von Alarmierungen  ließ uns schlagartig wach werden. Die Stimme des Disponenten war bemüht ruhig: „ NEF-Einsatz aa/31, RTW-Einsatz für RD aa/41 und 42,  bb/41, cc/41, dd/41 mit Notarzt! ee/41: Weiterfahrt mit Sonderrechten! Schwerer VU Bundesstraße 4xx, Ortsausgang L., Höhe E.“ </p>  

<p>Nix mehr mit rätselheft, nix mehr mit Kaffee. Dafür VU. Rein in die Schuhe, über den Hof in die Autos. Mein erfahrener Kollege übernimmt das Lenkrad. Ich als relativer Neuling greif mir den Funkhörer. Die einzelnen Fahrzeuge melden nacheinander Ausfahrt, warten begierig auf weitere Informationen. Ein Frontalzusammenstoß, mehrere Schwerverletzte, wenigstens einer eingeklemmt, "<a class="infobox" href="#">Christoph<span>Name für Rettungshubschrauber</span></a>" kommt auch, ebenso die Feuerwehr- so viel erfahren wir auf den drei Kilometern zum Einsatzort. Die Anfahrt gestaltet sich ab der Ortsausfahrt einfach: vor uns staut sich der Freitagfeierabendverkehr, aber die Gegenfahrbahn ist komplett leer. Das lässt nichts Gutes vermuten.</p>       

<p>Ein Transporter steht mittig, die Front zerstört. Am Straßenrand hängt ein Kombi halb im Graben, ebenfalls vorne deutlich zerstört. Durch ein Abschleppseil, das mit einem anderen Auto quer über die Straße gespannt wird, sichern Ersthelfer den Kombi vorm Abrutschen. Auf der anderen Seite des Wracks ersetzt ein Baum die B-Säule. Die ersten Fahrzeuge von uns sind da, ein RTW war zufällig in der Nähe. Die Kollegen schicken uns neben den Kombi, wo am Grabenrand ein Körper von zwei Erstelfern reanimiert wird, das blutige Gesicht mit einem Taschentuch abgedeckt.</p>       

<p>Eine Frau, erkenne ich, als ich ihr das T-Shirt aufreiße, um das EKG zu kleben. Am Hals eine tiefe Wunde, wohl vom Gurt. Der Kollege versucht eine Intubation, die irgendwie gelingt. Wir versuchen, das Programm abzuspulen, bekommen mit, dass unser Notarzt irgendwo noch jemanden reanimiert. Um uns herum Martinshörer, Polizei, Feuerwehr, wir,  mit immer noch mehr Fahrzeugen. Kommandos, dazwischen das Geräusch vom Christoph, der einen Landeplatz sucht. Ich bemerke ein Beinpaar in Sandalen und Shorts, das neben mir steht, während ich den Brustkorb bearbeite, die Beine haben Kratzer. Wohl einer der Helfer, die angefangen haben. Ein weiterer Kollege kommt, sucht Venen für die Infusion, findet was. Respekt. Die Beine verschwinden, das Leben auch. Die Pupillen werden immer unförmiger,  Zeichen des Todes. Von irgendwo kommt ein Notarzt, guckt, bricht unsere Bemühungen ab. </p> 

<p>Ich fange an, mich umzusehen. Überall wimmelt es von Feuerwehr, Polizei, Rettern. Auch Schaulustige. Über vierhundert sollen es gewesen sein, erfahre ich später. Die Bundesstraße hält sie gefangen. Im Auto wird’s heiß, hier ist Action, also kommen sie. Mein Blick fällt auf eine Person. Eine einzige Person, die für das Spektakel keinen Blick hat. Er sitzt auf der anderen Straßenseite, den Rücken zum Geschehen, schaut in die Weite der ostfriesischen Weiden. Ich geh zu ihm, erkenne zerkratzte Beine, Sandalen, Shorts. Oha, einer der ersten Helfer, dem jetzt klar wird, was passiert ist. „Kann ich helfen, geht es Ihnen gut?“ frage ich. 
„Wie geht es meiner Frau?“ fragt er. </p> 

<p>Wir bringen ihn in unseren RTW, weichen seinen Fragen aus. Wir wissen es nicht, sagen wir, es sind schon Verletzte im Krankenhaus. Bis auf die Kratzer ist er weitgehend unverletzt. Sie kommen aus Brandenburg, wollten Urlaub machen, ab heute. Hatten sich ein Ferienhaus gemietet, waren Einkaufen. Auf dem Rückweg war da der Transporter, plötzlich auf ihrer Fahrbahn. Er hatte vorne rechts gesessen, seine Frau hinter ihm, das befreundete Ehepaar links.</p>      

<p>Die Bilanz: aus dem Kombi sind der Fahrer und die Beifahrerin von hinten rechts tot, die Frau des Fahrers hinten links schwer verletzt, der Beifahrer leicht. Der Fahrer des Transporters ist ebenfalls schwer verletzt, warum vermutlich er  auf die Gegenfahrbahn gekommen ist, weiß ich bis heute nicht. </p>

<p>Auf der Wache war der Kaffee kalt. Wochen später stand in unserer Ortszeitung eine Anzeige, in der sich ein Mann und eine Frau aus Brandenburg für die Hilfe bedankten, die ihnen bei einem Verkehrsunfall zuteilwurde, an einem Sommertag. Schöne Sommertage gibt es immer noch, schöne VU nicht mehr.</p>        ]]></description>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2011 23:14:59 +0100</pubDate>
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</item><item>
		<title>"Wortlos" von Lynne</title>
		<link>http://www.blaulichtgeschichten.de/blaulichtgeschichten/lynne1/wortlos.html</link>
		<description><![CDATA[ <p>„TÜT-TÜT-TÜT“ –  der aggressive und lauter Ton weckt mich aus dem tiefsten Schlaf. Nicht viel nachdenken, Licht an, Alarm quittieren, in die Einsatzkleidung rein und runter in die Fahrzeughalle. Ich höre wie Antje und Philipp, meine Kollegin und der NEF – Fahrer, hinterher stürmen.</p> 

<p>Antje und ich nehmen den Einsatz an: „weiblich, 44 Jahre, vermutlich Reanimation“. Ich drücke den Status, Antje macht das Blaulicht an und die Fahrt durch den jungen Morgen geht los. Meine Kollegin meint noch: „Fünf Uhr morgens und Reanimation, das wird wahrscheinlich ein Exitus sein.“ Und trotz dieser Worte waren wir beide nicht wirklich auf das eingestellt, was wir sehen werden.  </p>

<p>Nach kurzer Zeit stehen wir vor dem Haus. Schönes Einfamilienhaus, Garten, gepflegt und nett. Wir gehen durch die geöffnete Tür und schauen uns nach einer offenen Tür um. Wir hören Stimme und gehen in diese Richtung. Ich analysiere kurz die Situation: Ruth, unsere Notärztin spricht mit dem Ehemann. Philipp steht irgendwo herum und so gar nicht im Mittelpunkt des Geschehens steht ein Sessel; eine Frau sitzt drauf. Ihre Augen sind geschlossen, sie sieht ruhig und gelassen aus. Schlafend eben. Mein erster Gedanke: „Heey Leute, los, warum macht ihr nichts? Was ist eigentlich hier los?“ Dann schaue ich mir diese Sache doch näher an. Das sieht alle nicht normal aus. Und langsam wird es mir klar: „Diese Frau ist schon mehrere Stunden tot, wir können nichts mehr machen!“ Antje und ich machen noch ein EKG und Ruth schaut sich die Pupillen an. Entrundet. Ich stehe und kann es einfach nicht glauben. Die ganze Situation kommt mir so unwirklich vor. Und plötzlich höre ich ein lautes Weinen. Ich realisiere die Töchter, die ins Zimmer kommen und es nicht verstehen können. „Wir wollten doch morgen in den Urlaub fahren, Mama, wach bitte auf!!“ </p>

<p>Und mir fehlen die Worte, ich sehe Antje, Philipp und Ruth an. Kein Auge bleibt trocken und ich muss wieder einmal feststellen: Menschen helfen bereitet Freude. Ich liebe meinen Beruf und es gibt nichts Schöneres, einem Menschen geholfen zu haben. Doch wenn wir kommen und einfach nichts mehr machen können, bleibt nur noch ein unsäglicher Schmerz. </p>       ]]></description>
		<pubDate>Fri, 25 Nov 2011 21:10:40 +0100</pubDate>
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</item><item>
		<title>"Eine traurige Begegnung " von Gerrit Hosenfeld</title>
		<link>http://www.blaulichtgeschichten.de/blaulichtgeschichten/gerrit-hosenfeld/traurige-begegnung.html</link>
		<description><![CDATA[ <p>In unserer Rettungswache herrschte in den letzten Wochen das pure Chaos. Viele der Kollegen waren wegen des langen und in diesem Jahr auch extrem kalten Winters krank geworden, hatten sich eine ordentliche Erkältung eingefangen oder waren mit Symptomen der zu diesem Zeitpunkt gerade topaktuell gewordenen Schweinegrippe belastet. </p>

<p>Aus diesem Grund waren unsere Teams wild durcheinander gewürfelt, was manchmal zur Folge hatte, dass wir nicht mit unseren gewohnten Partnern, sondern teilweise mit Aushilfen oder blutigen Anfängern fahren mussten. Ich allerdings hatte an diesem Tag wirkliches Glück. Florian war ein junger Kollege, der sich gerade im Anerkennungsjahr seiner Ausbildung befand aber sowohl medizinisch als auch menschlich gesehen einiges auf dem Kasten hatte. Wir verstanden uns von Beginn an gut, hatten schon viel gelacht an diesem Morgen und warteten nun auf die Dinge, die da noch kommen sollten. Nur etwa eine Stunde später war es dann soweit und wir wurden zu einem Notfalleinsatz alarmiert, der mich den Rest des Tages und leider noch weit darüber hinaus beschäftigen würde.</p>

 <p>„Achtung, Achtung! Notfalleinsatz für den RTW 92/84...fahren Sie zum Zustand nach Sturz, Patient war kurzzeitig bewusstlos!“ lautete die Einsatzmeldung der Leitstelle.</p>

<p>Nur eine knappe Minute später waren wir bereits auf der Anfahrt zu dem etwa fünf Kilometer entfernt gelegenen Ort des Geschehens. Zu diesem Zeitpunkt war dieser Einsatz aber nichts wirklich Besonderes für uns. Bei diesen Witterungsverhältnissen und den spiegelglatten Straßen und Gehwegen war es ja schließlich kein Wunder, dass der ein oder andere Fußgänger mit der Schwerkraft zu kämpfen hatte oder den Halt sogar gänzlich verlor und dann stürzte. Relativ entspannt und ohne große Erwartungen fuhren wir also weiter in Richtung Einsatzstelle, als wir erneut über Funk angesprochen wurden und eine neue Lagemeldung bekamen. Der Disponent der Leitstelle teilte uns nun mit, dass unser Patient erneut eintrüben würde und mittlerweile von Passanten in den Verkaufsraum einer Bäckerei verbracht worden sei. Laut einem erneuten Anruf wäre er nun nicht mehr ansprechbar und würde jetzt blau anlaufen.</p>

<p>Mein überraschter Blick traf augenblicklich meinen Kollegen, der mich ebenfalls nicht weniger verwundert ansah. Da war es also wieder dieses seltsame Gefühl im Bauch, welches mich auch heute noch immer dann trifft, wenn es um Patienten geht, die von einer Sekunde auf die andere plötzlich um ihr Leben kämpfen müssen. Es ist ein unangenehmes Gefühl, gegen welches man aber machtlos ist und das erst dann wieder nachlässt, wenn man vor Ort ist und die Lage kontrollieren kann, die Situation also selbst in die Hand nimmt und auch aktiv verändern kann. Als wir kurz vor unserer Einsatzstelle sind, höre ich noch, dass der Notarzt alarmiert wird und mit dem Rettungshubschrauber zu uns stoßen wird. Ich steige aus, schnappe mir unseren Koffer und den Sauerstoffrucksack, während Florian das EKG aus dem Auto holt. Etwa zehn Sekunden später stehe ich in der Bäckerei und verschaffe mir einen kurzen Überblick.</p>

<p>Vor dem Verkaufstresen versucht ein sehr engagierter Mann einen älteren Herrn notdürftig zu reanimieren, während eine weitere Person dessen Beine hochhält. Es ist sehr eng in diesem Raum. Ich laufe um ein Regal herum zur Kopfseite des Patienten, während mein Kollege augenblicklich die laufende Herzdruckmassage übernimmt und fortführt. Sofort beginne ich mit der Masken-Beutel-Beatmung, da bislang offensichtlich noch niemand versucht hat, den Patienten zu beatmen. Ehrlich gesagt wundere ich mich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen mit solchen Situationen, dass hier überhaupt schon mit einer Ersthelfer-Reanimation begonnen wurde, was ja heutzutage eher selten geworden ist. Da es hier aber glücklicherweise getan wurde, haben wir nun doch noch eine realistische Chance den Mann zurück zu bekommen. Während Florian weiter mit der Herzdruckmassage beschäftigt ist, bereite ich den Larynx-Tubus  vor, um die Atemwege unseres Patienten zu sichern und ihn effizienter beatmen zu können. Immer wieder spielen sich nun die Trainingsszenarien unzähliger Ausbildungssimulationen in meinem Kopf ab. Ich beherrsche meinen Job, das alles ist eigentlich eine typische Standardsituation, nichts wirklich Außergewöhnliches. Im Hintergrund fällt währenddessen plötzlich der Name des Mannes der da vor mir liegt und um sein Leben kämpft. Mein Blut gefriert mir in den Adern, als ich den Namen höre. Sofort wandert mein Blick über den leblosen Körper auf das Gesicht unseres Patienten. Jetzt erkenne ich ihn. Mein Puls rast in die Höhe. Es ist Opa Robert, zwar nicht mein richtiger Großvater, aber das macht für mich gar  keinen Unterschied. Er ist der Vater meiner Stiefmutter, und damit Teil meiner Familie. Ich habe ihn bei all dem Stress nicht erkannt.</p> 

<p>Menschen sehen nun mal ganz anders aus, wenn der Tod ihnen ihre Gesichtszüge geraubt hat, wenn die typische Gestik und die vertrauten Bewegungen fehlen. Mein Gehirn arbeitet nun auf Hochtouren, meine Gedanken überschlagen sich förmlich. Ich möchte am liebsten zehn Dinge auf einmal tun, bin geistig hellwach. Als der Notarzt wenig später eintrifft übernimmt er die Beatmung, während ich selbst mich sofort darauf konzentriere alle notwendigen Medikamente aufzuziehen. Das darf doch alles nicht wahr sein, denke ich ständig. Die Situation beginnt mich langsam aber sicher zu überfordern, schneidet mir förmlich die Luft ab, weiß ich doch allzu gut, wie niedrig die Chancen auf einen erfreulichen Ausgang dieses Dilemmas mittlerweile stehen. Wie hoch sind die Aussichten eines älteren Mannes eine solche Situation heil zu überstehen, wenn er doch sowieso schon schwer vorbelastet ist, was sein Herz betrifft? Ich mache mir nichts vor, es sieht nicht gut aus. Vollkommen machtlos stehe ich nun neben dem Geschehen und betrachte es fast wie einen Film, von dem ich schon weiß, wie traurig er ausgehen wird. In Gedanken bin ich schon bei meiner Stiefmutter. Wie werde ich es ihr am besten beibringen? Muss ich das überhaupt selbst tun, oder kann ich diese schwere Aufgabe jemand anderem auferlegen, mich einfach davor drücken? Ich bin nicht gut in solchen Dingen, aber selbstverständlich werde ich es ihr selbst sagen. Ich versuche nur aus der gesamten Situation zu fliehen, weil ich Angst habe. Angst vor der Reaktion meiner Eltern. Angst vor der Verzweiflung und dem Kummer meiner Familie. Angst vor dem, was danach kommen mag. </p>

<p>Nur etwa zwanzig Minuten später steht es dann leider fest. Opa Robert hat den Kampf um sein Leben verloren, er ist tot. Ich versuche vor meinen Kollegen professionell zu bleiben, unterdrücke meine Tränen und halte meine Enttäuschung zurück. Ich verlasse den Raum und gehe ein Stück die Straße hinauf. Es gehört nun mal zu meinem Beruf mit dem Tod umzugehen. Ich habe das schon hunderte Male erlebt. Ist man aber selbst betroffen, dann ändern sich die Regeln in diesem traurigen Spiel, dann ist nun mal alles ganz anders als man es gewohnt ist. Die Trauer über den Verlust eines Menschen überrollt uns in diesen Momenten mit aller Kraft und reißt uns aus dem grauen Alltag in eine noch grauere Realität. </p>

<p>Ich gehe noch ein paar Meter, die frische Luft tut mir jetzt gut. Ich muss nachdenken, klare und beruhigende Worte finden und dabei sehr behutsam sein, denn die schwerste Aufgabe an diesem Tag steht mir noch bevor. Ich setze mich also auf die Stufen einer alten Steintreppe und hole mein Telefon aus der Tasche. </p>   ]]></description>
		<pubDate>Mon, 10 Oct 2011 22:48:11 +0200</pubDate>
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</item><item>
		<title>"Weinendes Herz" von Jenny</title>
		<link>http://www.blaulichtgeschichten.de/blaulichtgeschichten/jenny1/weinendes-herz.html</link>
		<description><![CDATA[ <p>Ein schöner, sonniger Tag im Süden des Kreises. Mein zweiter Tagdienst in der Region war, wie der erste, sehr ruhig und gemütlich. Gemeinsam mit dem Kollegen hörte ich tolle Musik im Radio, wir unterhielten uns und saßen draußen vor der Wagenhalle in der Sonne. Nach zwei Einsätzen waren wir in einer Großstadt auf der Rückfahrt von der städtischen Klinik und tranken noch schnell einen Kaffee. Zurück auf der Wache wollte ich noch schnell für kleine Sanis, als der Piepser wieder seinen lieblichen Ton von sich gab. „Oh Mann,“ denk ich mir noch, „den ganzen Tag erst nichts und jetzt alles auf einmal …“. Im Fahrzeug die 3 gedrückt, nicht aufs Display geschaut, schnell Schuhe wieder an, Stromkabel gezogen und ab ins Auto. 
Mein Kollege kommt leise fluchend und blass ans Auto, setzt sich neben mich und sagt nur „Gib Gas!“. Ich werfe nach den vergangenen Sekunden das erste Mal meinen Blick aufs Display: „R2, Kind von Auto überrollt“. „F***“ entweicht mir und ab geht‘s. Die Anfahrt ist relativ kurz, da der Unfall im Nebenort stattgefunden hat. </p>

<p>Dort angefunden winken uns Einweiser hektisch ein. Wir steigen aus und packen Koffer und Kinderkoffer, EKG, Medumat, Absaugung und Stifneck zusammen und rennen in den Innenhof der genannten Unfallstelle. Von außen hören wir bereits die Schreie des kleinen Kindes überdeutlich. Der kleine Mann liegt in Seitenlage zwischen einer Bank und dem vermutlichen Unfallfahrzeug (Sprinter). Auf seiner linken Hüftseite sieht man einen großen, breiten Reifenabdruck und bläuliche Verfärbungen, deutliche Bauchabwehrspannung, jede noch so kleine Bewegung ist schmerzhaft für ihn, er schreit lautstark vor Schmerzen. Diese hallen zwischen den Häuserfronten des halben Dorfes. Nun folgt das volle Programm. Der Kollege bleibt beim Kleinen und versorgt diesen primär, während ich zusätzlich schon die Trage samt Schaufeltrage und Vakuummatratze vorbereite. Im RTW denke ich mir noch so, während ich alles vorbereite: „Was mache ich eigentlich hier? Wieso das Kind, warum hier, jetzt, warum wir, warum ich?“</p> 

<p>Keine Zeit verlieren, dass ist nun oberste Priorität. Das NEF trifft ein (kurz nach uns), der Rettungsassistent und Notarzt kommen nach unser zuvor erfolgten telefonischen Rückmeldung rennend in den Innenhof, der Notarzt fordert nach kurzer Rücksprache mit uns einen Rettungshubschauber an (waren ca. 3 Min. vor dem NEF da und hatten die Erstversorgung gestartet, hatten diese Alarmierung auch bei der Ankunft vom NEF beschlossen während dieses eintraf). Vitalparameter sind stabil, Stifneck wird angelegt, Patient wird medikamentös behandelt und anschließend samt Vakuummatratze auf die Trage verbracht und in den RTW gebracht.</p> 

<p>Irgendwie steht die Zeit still für mich, trotz aller „Routine“ sagt mir mein Herz. Die Eltern stehen drumherum, der Fahrer des Unglücksfahrzeugs ist direkter Angehöriger, er konnte nichts dafür, da der Junge sich schnell vor der Abfahrt des Erwachsenen noch unter dem Auto versteckt hatte. Der Kleine, der mich immer wieder mit schmerzverzerrten Augen anschaut und mittlerweile nur noch flüsternd fragt, ob er nun sterben muss. Ich funktioniere nur noch, alles läuft wie es soll, wir sind innerhalb von 15 Minuten seit Ankunft startklar zum mittlerweile eingetroffenen Christoph XY. Dieser steht Ortsausgang 400m von uns entfernt im Acker neben einer Landstraße. Die Polizei eskortiert das NEF und uns mit Signal dorthin. Dort angekommen erfolgt die Übergabe, ein weiter Zugang wird gelegt und kurz danach wird der kleine Patient anschließend von uns in den Hubschrauber getragen. Als der Hubschrauber laut rotierend abhebt, stehe ich neben dem Vater des Jungen. Die lange Landstraße ist durch die Polizei abgesperrt, viele Schaulustige bestaunen dieses unwirkliche Szenario. Ich habe große Lust ihnen die Meinung zu sagen, kann meinen Blick jedoch auch nicht von dem Geschehen abwenden. Meine Hand findet ihren Weg zur Schulter des Angehörigen, es Bedarf keiner Worte. Mit Tränen in den Augen sagt der Vater des 8-jährigen „Danke …“ und steigt wieder in das Polizeifahrzeug, welches ihn wieder heimbringen wird. Mein Herz weint.</p>      ]]></description>
		<pubDate>Sun, 31 Jul 2011 12:44:11 +0200</pubDate>
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</item><item>
		<title>"Unklarer Notfall" von tillerman</title>
		<link>http://www.blaulichtgeschichten.de/blaulichtgeschichten/tillerman1/unklarer-notfall.html</link>
		<description><![CDATA[ <p>Es war ein warmer Frühlingsabend vor einigen Jahren. Dennoch denke ich ab und an immer mal wieder dran. </p>

<p>Wir sitzen in gemütlicher Runde zusammen, solange bis der Gong ertönt: „Einsatz 1. RTW, unklar intern ... NEF folgt sobald frei…  .“ Also, zum Auto - abfahren. Ich bin gerade frisch gebackener Rettungsassistent und heute Transportführer auf dem RTW zusammen mit einem erfahrenen Kollegen an meiner Seite.       </p>

<p>Als wir an der etwa sechs Minuten entfernten Einsatzstelle eintreffen und austeigen, werden wir von einem völlig aufgelösten Herrn in den Fünfzigern empfangen. Er  sagt immer und immer wieder: „Meine Schwiegertochter lebt nicht mehr, sie ist tot!“ Wir schauen uns an und  nehmen alles mit, was wir brauchen könnten und laufen ins Haus. </p>   

<p>In einem Badezimmer im Erdgeschoss liegt eine Frau Mitte 30 (!) regungslos auf dem Boden in einer angedeuteten Stabilen Seitenlage. Daneben kniet augenscheinlich der Ehemann und heult, heult was das Zeug hält. „Mein Gott was ist hier los,“  war mein erster Gedanke. Jetzt kommen die Automatismen:</p> 

<p>Patientin auf den Rücken. Vitalfunktionen? Nein. Reanimation – sch...! So jung?  Wie geht das?
Die Automatismen spulen sich ab. Die Maßnahmen laufen. Anamnese nicht vergessen: Ehemann fragen. Keine klaren Aussagen. Verdammt, wo bleibt der NA?</p>                    

<p>Draußen im Flur Tumult. Zwischen dem Geweine der Angehörigen höre ich Kinderstimmen. Ich höre es, verarbeite es aber nicht; es muss weitergehen im Schema. Wir arbeiten routiniert, aber innerlich ruhig ist was anderes.
EKG, Zugang, Supra, die Intubation macht der Kollege. Und nun weitermachen, bloß weitermachen. Endlich, der Doc fährt vor, kurze Übergabe. Weitermachen. Wir räumen den Koffer leer – alles was geht und helfen kann. Weitermachen! </p> 

<p>Aber es hilft nichts. Nach fast einer Stunde brechen wir ab – <a class="infobox" href="#">frustran<span>
ohne Ergebnis, vergeblich</span></a>. Notarzt und der Kollege vom NEF gehen zu den Angehörigen. Ich muss mich setzen, der Badewannenrand tut`s dafür. Der Kollege und ich schauen uns an, wir schütteln beide nur den Kopf bevor wir uns aufraffen und die Patientin herrichten, die Spuren eines ausweglosen Kampfes beseitigen. Nach Rücksprache mit dem NA packen wir unseren Kram und gehen schon mal zum Auto. In der Diele kommt mir der Ehemann mit den Kindern entgegen- die Kinderstimmen!!! Das kleine Mädchen höchsten fünf, fragt mich von Papas Arm herunter: „Habt Ihr meine Mami wieder gesund gemacht?“ Mir wird heiß, meine Augen fangen an zu brennen. Der Kloß in meinem Hals ist groß wie ein Tennisball. Unser NA schaltet sich ein und nimmt die drei zur Seite. </p>    

<p>Ich muss raus – Luft!</p>                                    

<p>Die Rückfahrt ist sehr schweigsam. Auf der Wache wird der Einsatz im Kreise der Kollegen durchgesprochen, aufmunterndes Schulterklopfen, beruhigende Worte - "abgehakt unter ..." und "sollte nicht so sein".
Und trotzdem, noch heute kann ich mich ganz genau an die Kinderstimmen im Flur erinnern….. </p>   ]]></description>
		<pubDate>Mon, 06 Dec 2010 20:05:37 +0100</pubDate>
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