06.04.2010
Widerspenstig
Autor: Thomas Gebhardt
Müde lagen wir vom „Nichtstun“ auf dem Sofa und zählten schon die Stunden, bis die Ablösung uns endlich befreien würde. Schlaff schauten wir uns an, als der Piper uns plötzlich anschrie. Wir bewegten uns zum Rettungswagen und meldeten uns einsatzbereit. „20-41 einmal in die Straße XYZ, dort Tragehilfe für den KTW“, erklang es aus dem Äther.
Da wir wussten, wer auf dem KTW Dienst hatte, zuckten wir unsere Augenbrauen und schauten uns aussagekräftig aber sprachlos an. „Na dann – das können die also auch nicht“, sagte mein Kollege, als ich den ersten Gang einlegte. Wir erreichten den Einsatzort, und dort wartete bereits die Besatzung mit einem Lächeln auf den Lippen. „Könnt ihr denn gar nichts?“ fragte ich, als der Kollege die Heckklappe aufmachte. Nun erkannten auch wir das Problem.
Ein dicker, runder, älterer Patient lag auf der Trage und schaute uns apathisch und leer an. „In den zweiten Stock, hinten rechts“, antwortete ein KTW-Kollege ungefragt. Ich schaute ihn an, und wir machten uns auf dem Weg in die Wohnung, um einen Blick der Örtlichkeit zu erhaschen. Steile Wendeltreppen und einen zugestellten Flur. In der verbauten Wohnung mussten wir dann um zwei weitere enge Ecken, und dann in das Pflegebett, an dessen Zusammenbau noch der Außendienst des Sanitätshauses bastelte.
„Bin gleich fertig“ sagte dieser und wir machten einen Plan. Bergetuch auf Schaufelmatratze und dazwischen noch ein Laken. Zusätzlich mit Gurten befestigen, vier Mann an allen vier Ecken und dann ab in die Wohnung. „Dann mal los“, sagte der Kollege, und wir brachten die Trage aus dem KTW und lagen sie neben der Straße. Wir bereiteten die Schaufeltrage samt Bergetuch vor, schnallten den Patienten fest, bedeckten ihn mit der Bettdecke, und dann ging das auch schon los. Der Patient war aber auch schwer, und bereits der Weg vom KTW zur Eingangstür war eine Qual. Zwischenzeitig hatte sich der Außendienst verabschiedet und der Weg ins Bettchen war frei.
Jetzt kam die erste Treppe und wir stemmten, zogen, hebelten und machten alles Mögliche, als plötzlich die Hand des Patienten sich das Treppengeländer griff. Mitten im Bewegungsdrang, im anatomisch ungünstigen Stand der Wirbelsäule, griff der Patient das Geländer und ließ nicht mehr los. Ein jeder schrie den Kunden an endlich loszulassen, aber er war ja nicht mehr in unserer Welt und hielt an seinem eigenen Plan fest. Er ließ nicht mehr los, und wir waren mitten auf der ersten Treppe. Hätten wir mal die Arme mit eingeschnürt, aber dazu war es jetzt zu spät. Wir ließen die Trage langsam los und legten sie auf der steilen Treppe ab, gestützt und gesichert vom erschöpften Kollegenstamm.
„Das geht nicht – wir brauchen Hilfe“, sagte der KTW-Kollege. Mein Kollege antwortete: „Schlaumeier – wo sollen die denn noch hin – wir nehmen bereits die komplette Treppe ein.“ Dieser hatte aber einen Plan, den er uns berichtete, und wir alle stimmten seinen Plan zu.
Die Angehörigen reichten uns das Mobiltelefon, und wir telefonierten mit der Leitstelle. Zehn Minuten später stand der Rüstwagen der Feuerwehr vor der Tür. Diese schlingerten sich durch unser Gewühle und brachten an den zugänglichen Stellen der Schaufeltrage ihre Seile an. Zusätzlich, wurde dem Patient noch ein Fesselseil angebracht, damit dieser nicht mehr auf dumme Gedanken kommt.
So ging es, und nach erfolgreicher Lagerung in das Bettchen, rückten wir wieder ein, während der KTW die nächste Entlassung aus der chirurgischen Praxis zur nächsten “Fahrt“ anfuhr.
Krankenwagen Fahren kann eine echte Strafe sein – wie gut, dass wir vom RTW beim Einrücken noch einen Bäcker anfuhren, um uns für unsere Arbeit mit Kuchen zu belohnen. Mit schmerzendem Rücken lagen wir dann Kuchen schmatzend auf dem Sofa, während die Jungspunde sich ihre chirurgische Entlassung annahm.
Am nächsten Tag hatte ich KTW-Dienst. Und da die Nachtschicht diesen Patienten, wieder mit Feuerwehrbegleitung, in das Krankenhaus einwies, hatte ich die Hoffnung, dass dieser Patient noch mindestens 12 Stunden im Krankenhaus verblieb. Mein Wunsch wurde erhört, und wir hatten Spaß mit der chirurgischen Praxis – den ganzen Tag.
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