06.04.2010

Sonderrecht

Autor: Thomas Gebhardt

Mittags um 13:00 h bezogen wir unsere Trage von dem letzten Krankentransport und erhielten sogleich unseren nächsten Einsatzbefehl. „Fahrt mal ins AKHAllgemeine Krankenhaus , Station M14, liegend inne MHH Medizinische Hochschule Hannover – die Celler haben kein Auto frei“. Toll. Wann dürfen wir denn mal Mittag machen? Missmutig fuhren wir ins Krankenhaus, nahmen unsere Trage aus dem Auto und führten diese in die M14. Vorbei an der aufnehmenden, hübschen Schwester, die mit einem freundlichem Wink begrüßt wurde.

In der Station angekommen wurde das Dilemma dann bekannt. Die Schwester übergab uns die Papiere und sagte dann: „Zimmer 2 – das Bett am Fenster“, während sie uns in das Zimmer begleitete. Beim Betreten des Raumes erkannten wir ein junges Mädchen, die halb narkotisiert auf dem Bett lag. Ich schaute auf die Personalien des Mädchens und errechnete ein Alter von 16 Jahren. „Was hat die denn?“, wurde die Schwester gefragt: „Metastasen – die ist voll davon. Sie kann sich gar nicht bewegen, und wenn, dann nur unter Schmerzen. Seit bloß vorsichtig“. Oberklasse. Die Kleine schreit vor Schmerzen, alleine wenn man sie nur anschaut, und die soll von Celle nach Hannover gefahren werden. Das wird spannend.

Mit sehr viel Zeit, Mühe und Liebe haben wir dieses halbtote Ding auf unsere Trage umgebettet und sind dann ganz langsam mit der Trage zum Krankenwagen gerollt. Hier merkt man dann erst, wie weit der Weg durch ein Krankenhaus ist, und wie uneben dieses mit seinen unsanften Fahrstühlen sein kann, während es wimmernd von der Trage erklang.

Nach einer Ewigkeit erreichten wir den Krankenwagen und mit der Hilfe von Kollegen konnte die Trage sanft in das Auto gebracht werden. Der Kollege schaute mich an und sagte: „Fahr du – bitte“. Kann man in einer Hilfsorganisation eine Bitte abschlagen? Ich konnte nicht, und so setzte ich mich hinter das Steuer und spielte mit dem Kupplungs-, Gas- und Bremspedal. Einer musste es ja tun. Ganz sanft, ganz ruhig, gaaaaaanz gemütlich. Man kann ja alles auch in Ruhe machen, hatte ich mal gelernt.

So erreichten wir auch bald die erste Ampel und ich bremste im Vorfeld schon weit ab. Plötzlich das Gehupe eines anderen Verkehrsteilnehmers, der mich überholte und mir den Vogel zeigte. So wird das nichts, der lange Weg bis nach Hannover, und ich winkte den Kollegen aus dem Patentenraum zur Beratung heran: „Ich brauche mehr Spielraum und Platz auf der Straße. Ich fahre mit Sonderrechten“, sagte ich ihm. Er willigte ein und setzte sich auf seinen Betreuersitz.

So rief ich rief die Leitstelle über Funk und sagte: „Leitstelle, wir fahren Links-Leise weiter (Links= mit Sondersignal und Wegerecht > Leise= ohne Sirene).“ - „Sie fahren eine Überweisung mit Blaulicht? Was soll das denn?“ Ich antwortete genervt: “Wer hat hier einen Patienten, mit dem Wissen um seinen Zustand - und wer nicht?“ Stille im Funkverkehr.

So fuhr ich mit Blaulicht, ohne Martinshorn aber mit Springlicht durch Celle mit 25 km/h. Die Verkehrsteilnehmer konnten die Situation nicht richtig deuten und fuhren merkbefreit vor mir her. Einige blieben stehen, andere überholten sich gegenseitig, um dann scharf abgebremst wieder stehen zu bleiben. Chaos - während ein Krankenwagen mit Blaulicht, sich schleichend durch den Verkehr mogelte. Von Celle bis Hannover nur Unverständnis, aber die Gehetzten in Hannover hatten noch mehr Probleme mit dieser Situation als die aus der Celler Provinz. Kopfschütteln und Unverständnis, aber für unsere Situation war das genau richtig so.

Blaulicht heißt nicht, dass Rettungsassistent Lanzelot mit fliegender Kochsalzlösung und wehendem Beatmungsgerät im Gepäck sich seinen Weg bahnt. Blaulicht heißt: Fahrzeug mit Sonder- und Wegerecht. Und dieses Recht hatte ich mir für diesen Transport selbst angeordnet. Nach über zwei Stunden Fahrt waren wir endlich in der Medizinischen Hochschule Hannover angekommen, und auf der Rückfahrt fühlte ich mich genauso leer wie nach einem schweren Einsatz mit negativem Ausgang. Der Kollege schwieg auch, aber gemeinsam haben wir dann Stellung bezogen, um den Protestanrufen und Beschwerdebriefen gerecht zu werden. Beim Einrücken kam dann auch gleich die nächste „Fahrt“ – Entlassung aus dieser chirurgischen Praxis nach Peine. Rettungsassistent kann auch ein Scheißjob sein.

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Titel: Veröffentlicht am:
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