02.01.2012

Einerseits erfolgreich

Autor: Paul

Sonntagmorgen, sieben Uhr. Ich bin kurz wach und gucke auf die Uhr. „Genial, du kannst noch schlafen! Musst nur nachher noch deinen Pieper umstellen …“, denke ich mir und drehe mich um. Dieser Plan wird jedoch von der in diesem Moment von draußen ertönenden Sirene und dem weniger Momente später auslösenden Pieper über den Haufen geworfen. Schnell springe ich aus dem Bett, schaue auf dem Piepser nach, was anliegt. Ich wohne leider in einem Funkloch und so bleibt mir diese Information vorbehalten. Egal, du erfährst es früh genug. Ich ziehe mir die Einsatzhose an und laufe zum Feuerwehrhaus. Mal wieder der Erste. Ohne Schlüssel kann man dann nur warten. Ein paar Momente später kommen ein paar Kameraden mit ihren Autos auf den Hof gefahren. „Du hast schon was an, sehr gut, dann mach schnell das Tor auf!“, begrüßt mich ein Kamerad.

Während ich das Tor hochziehe, frage ich: „Was liegt eigentlich an?“ „Verkehrsunfall in A-Dorf am Bahnübergang.“ Hm. Das kann alles Mögliche sein. Kurz darauf sitze ich im Fahrzeug und mit Sondersignal geht es in den Nachbarort. Unser Gruppenführer schaut nach hinten. „Verkehrsunfall, dann zieht euch schon mal Handschuhe an …“ Gesagt, getan. Inzwischen hat sich das Einsatzstichwort zu „Person unter Zug“ verändert. Über Funk wird gemeldet, dass die Feuerwehr A-Dorf an der Einsatzstelle angekommen ist. Gott sei Dank - wir sind nicht die Ersten! Als wir in den Ort hineinfahren, hören wir auf dem Funkkanal: „Person liegt auf dem Gleis und lebt“. Stille. Damit hat keiner gerechnet.

Wir sind da. Am Bahnübergang stehen bereits mehrere Fahrzeuge, auch schon Rettungswagen und Notarztfahrzeug. Unser Gruppenführer wirft sich seine Funktionsweste über und dreht sich nochmal um: „Bringt mal die ganze First-Responder-Ausrüstung an den Übergang. Ich gehe mal zu den anderen Führungskräften. Während er sich auf den Weg macht, ziehe ich die Absaugpumpe aus der Verankerung, setze den Notfallrucksack auf und gehe mit einem Kameraden, der die restliche Ausrüstung trägt, in Richtung der Gleise.

Er ist Rettungsassistent, hat das alles schon mal gesehen und geht forschen Schrittes vor. „Nicht so weit!“, denke ich mir. „Halte dich bloß zurück, das wird schlimm aussehen!“ Neben der Schranke stellen wir die Sachen ab und schauen in Richtung der Verletzten. Fünfzig Meter von uns entfernt knien vier vom Rettungsdienst und versorgen die Patientin. Weitere hundert Meter davon entfernt steht ein Güterzug.

„Unsere Ausrüstung wird nicht mehr benötigt. Ihr könnt sie wieder zurück bringen“, sagt uns unser Gruppenführer wenige Augenblicke später. Soll mir ganz recht sein. Am Fahrzeug angekommen, hören wir, dass Christoph XYName für Rettungshubschrauber ebenso angefordert wird. Wir stehen noch fünf Minuten am Fahrzeug, sehen, wie die Person in den RTW gebracht wird und schweigen überwiegend, bevor unser Gruppenführer den Befehl zum Abrücken gibt. Als wir starten, fliegt der Rettungshubschrauber über uns weg und landet. Er wird die Person in die MHHMedizinische Hochschule Hannover bringen. Über Funk hören wir, wie ein weiterer RTW und der Notfallseelsorger angefordert werden. Es muss sich auch um den Lokführer gekümmert werden. Warum wir das nicht machen mussten, bleibt offen.

Zuhause angekommen lege ich mich nochmal einen Moment ins Bett. Ich sehe das Bild vor mir, der Rettungsdienst, der die Verletzte versorgt und den dahinter stehenden Zug. Ich frage mich, ob es ein Unfall oder ein Suizid war. Und mache mir klar, dass das dazugehört und ich froh sein kann, die Betroffene nicht genauer gesehen habe.

In den nächsten Tagen kommt heraus, dass die Verletzte um die 20 Jahre alt ist, schwerstverletzt wurde und es ein Suizidversuch war. Keine bekannte Person. Kam aus der Nachbargemeinde. Der Schaffner hatte sie schon von Weitem gesehen und versucht zu bremsen, nahezu erfolglos bei einem voll beladenen Autozug. Die junge Frau wurde weggeschleudert und schlug hart auf den Gleisen auf. Letztens habe ich gehört, sie soll überlebt haben und im Rollstuhl sitzen. Der Rettungskräfte haben ihr Bestes gegeben und waren erfolgreich. Einerseits ...

Text druckenText drucken

Weitere Texte von Paul

Titel: Veröffentlicht am:
Immer wieder Sonntags?! 13.04.2012
Autoren gesucht

Wir sind immer auf der Suche nach neuen Blaulicht-Autoren, die Texte aus ihrem Einsatzalltag auf der Website veröffentlichen möchten.

Besondere schriftstellerische Fähigkeiten sind nicht erforderlich. Was zählt, ist die Lust am Schreiben.

Anmelden könnt ihr euch hier. Wir freuen uns über jedes neue Gesicht.

Neue Texte

25.01.2014

Courage

Robin A.

07.07.2013

Kein Bock auf Katastrophen

Robin A.

28.04.2013

Eingeklemmte Person

Landretter

Neue Autoren