06.10.2010

Träne

Autor: NEFFahrer

Die NEF-Schicht war sehr ruhig, nur ein paar Einsätze, aber nichts Besonderes dabei. Mein Notarzt, der sehr routiniert ist und nur noch 116 Monate bis zur Rente hat, verbringt seine Schicht im Wohnheim. Gute 200 m von der Wache entfernt.

Es ist 5:03 Uhr, als der Gong in meinem Zimmer ertönt und mir mitteilt: VU mit PKW. Hose und Schuhe an und ab geht es im Sprint zum Wagen. Die RTW Besatzung ist ebenfalls alarmiert und folgt mir zu den Fahrzeugen. Über Funk kommt die Meldung, dass der PKW gegen ein Baum gefahren sei und der Fahrer aus dem Fahrzeug geschleudert wurde. „Scheiße“, denk ich, während der Regen auf die Windschutzscheibe prasselt. Den Notarzt habe ich an Bord und düse in Richtung Einsatzstelle. Die Strecke kenne ich. Während meiner Lehre zum Landmaschinenmechaniker. Ja, ich war nicht immer im Rettungsdienst, bin ich diese Strecke fünf mal die Woche gefahren. Eine gefährliche Straße. Kurvenreich und stellenweise schlecht einzusehen.

Nach knapp fünf Minuten sehen wir die Einsatzstelle. Der RTW ist vor Ort, ebenso zwei Streifenwagen und zwei andere PKWs. Angekommen sehe wir einen roten Golf 4, der frontal vor einer Eiche gefahren ist. Wir schnappen uns unsere Koffer und rennen los. Vor uns ein tiefer Graben, gute zwei Meter tief. Der Wagen liegt rückwärts darin und hat den Fahrer rausgeschleudert. Er liegt etwa 8 m hinter dem Heck des PKW auf einem Acker. Der Motor samt Getriebe liegt nur ein Meter von ihm weg links daneben. Ich spüre die Hitze des Motor in meinem Rücken. Die RTW-Besatzung ist gerade dabei das EKG zu kleben. Ich sehe mir den Patienten an. Die Augen auf und keine Reaktion. Mein zweiter Blick geht zum EKG: Asystolie. „Scheiße“, denke ich. Der Junge ist vielleicht gerade mal 18 Jahre alt. Ich schaue meine Arbeitskollegen an. Wir schütteln alle mit dem Kopf. Äußerlich, was wir im Dunkeln sehen können, ist er nicht verletzt. Dennoch hat er keine Atmung und kein Puls. „Gut“, sagt der Notarzt „legen wir los“. Der Patient wird intubiert und reanimiert, während uns der Regen in den Nacken läuft. „So ein Scheiß“, denke ich mir. Das fehlt mir noch.

Ich schaue kurz in Richtung NEF, warum auch immer, was vor der Einsatzstelle steht und sehe, wie ein Mann aus dem PKW aussteigt und zu uns rüberläuft. Ein Polizist spricht ihn laut an, was er will und wer er ist. Er schreit nur „ Das ist mein Sohn!“. Dieser Satz geht mir wie ein kalter Schauer durch den ganzen Körper. Das fehlt mir noch. Der Polizist kann ihn zurückhalten und setzt ihn in den Streifenwagen. Okay, Spineboard vom RTW geholt, Junge umgelagert und ab in den RTW. Hier ist es warm und trocken. Während ich das Beatmungsgerät startklar mache, untersucht der Notarzt den Jungen, während meine Kollegen ihm einen i.v. Zugang legen. Keine Verletzungen, keine Prellmarken; nichts. Pupillen allerdings weit und entrundet. Er ist tot. Das ist für mich und meine Kollegen ganz eindeutig. So einen schweren Unfall kann er nicht überleben. Mein Notarzt entschließt sich dennoch den Patienten alarmmäßig mit Voranmeldung ins Krankenhaus zu fahren. Okay, er ist Chef und daher fahren wir los. Während wir in Richtung Krankenhaus fahren und das Blaulicht zwischen den Bäumen blitzt, denk ich mir: der muss doch schneller als 100 gefahren sein. Ist der bescheuert! Während ich mich ärgere, wie doof man nur sein kann, denke ich mir. Wie bist du früher gefahren!? Gerade den Führerschein, das 1. Auto und der Ruf der Freiheit. Meine Gedanken werden durch die Statusmeldung am Funk unterbrochen.

Wir bringen den Patienten ins Krankenhaus. Während wir im Aufzug hochfahren, hören wir mit der CPR auf. Im Schockraum erwartet uns einige Ärzte unterschiedlicher Fachrichtung. Dazu noch einige Schwestern der Nachtschicht als auch der gerade begonnenen Frühschicht. Wir betreten diesen Raum, während der Notarzt sagt: der Junge ist tot.

Mit fragenden Augen werden wir angeschaut. Kurze Übergabe durch den Notarzt, dann verschwindet er auf einmal. Das ist nicht seine Art. So kenne ich ihn nicht. Nicht einmal das Protokoll hat er mitgenommen. Komisch. Der Patient wird extubiert, das EKG abgenommen. Im hellen Licht der OP-Leuten sehen wir, wie verschmutzt der Junge ist. Er ist erst wirklich gerade 19 geworden. Das verrät uns sein Personalausweis. Die Ärzte murmeln und gehen wieder. Die Schwestern fangen an ihn vom Boden des Ackers zu säubern. Eine Schwester, die ebenfalls zwei Söhne in seinem Alter hat, sagt: „Der Vater ist mit der Mutter gerade vorne an der Pforte.“ „Mist“, denk ich mir. „Wie schnell sind die hinterher gekommen?“ Der Patient wird mit der Untersuchungsliege in einen kleinen Untersuchungsraum geschoben. Da kommt mein Notarzt wieder. Mit meinen Kollegen stehe ich immer noch fassungslos im Schockraum. Er sagt zu uns: „Gleich wird es laut. Die Eltern sind mit der Schwester da.“ Er hat den Satz nicht ganz zu Ende gesprochen, da höre ich die Schreie des Vaters. Tränen sehe ich in den Augen meines Notarztes. Ein Notarzt, der in seiner Karriere alles schon hatte. Nichts, was ihn erschüttern könnte, denke ich mir. Die Kollegen vom RTW gehen und nehmen die Trage mit. „Bringst du uns den Transportschein mit?“, fragen sie mich. Ich nicke ihnen zu. „Kocht schon mal Kaffee.“, sage ich.

Mein Notarzt füllt das Protokoll aus. Die Schwester, die uns die Mitteilung machte, dass die Eltern an der Pforte sei, kam zurück zu uns in den Schockraum um die Personalien des Patienten aufzunehmen. Phill heißt er. Sie ist eigentlich eine Schwester, die immer lustig und freundlich ist. Jetzt steht sie mit zitternden Händen am PC. Ich schaue sie an und mir läuft eine Träne runter. Das ist mir noch nie passiert.

In meiner beruflichen Laufbahn als Rettungsassistent habe ich schon einiges gesehen. Oft bin ich Zeuge menschlichen Schicksal geworden. Ohne arrogant oder kaltherzig zu wirken: geweint habe ich noch nie. Doch jetzt ist es passiert. Einfach so, ohne Vorankündigung. Kein Nasenlaufen, keine zittrige Stimme. Meine Hand berührt die Schulter der Schwester und ich gehe.

Im meinem NEF wische ich mir die Träne weg. Mein Dienst endet zum Glück gleich. Ich übergebe den Piepers meinen Kollegen. In der Fahrzeughalle stehen wir mit der neuen und alten Besatzung vom RTW zusammen und sprechen über den Einsatz. Das tut gut. Einfach nur darüber reden.

Mit dem Fahrrad geht es nach Hause. Vorher noch beim Bäcker vorbei. Ein paar Brötchen für meine Frau und meinen kleinen Sohnemann. Der freut sich immer, wenn er mich morgens in den Arm nehmen kann. Das tut gut, als er auf mich zugerannt kommt und ruft: „Papa, Papa! Tüta!!!“ Beim Kaffee denke ich mir: der Einsatz hat mir gezeigt, dass ich zum Glück doch nicht kaltherzig und abgestumpft bin.

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