23.02.2010

Unverschämt

Autor: Joanna Eglmeier

In meinem rettungsdienstlichen Leben hab ich schon einiges erlebtaber das, was mir neulich Nacht passiert ist, war mal wieder das Allerletzte. Aber beginnen wir von vorne …

Es war mein letzter Nachtdienst und darüber war ich froh! Die letzten sechs Nächte waren irgendwie anstrengender als sonst. Naja, ich bin in diesem Nachtdienst-Zyklus ja auch ein Jahr älter geworden. Mich trennten noch ungefähr 3,5 Stunden von meinen herrlichen, vier freien Tagen, als der Piepser ging und wir mit samt Notarzt auf „Bewusstlos“ jagten. Vor Ort fanden wir einen ca. 45 jährigen Patienten vor, der bewusstlos war, unzureichend atmete, aber Gottlob noch einen Puls hatte. Sein Sohn hatte ihn im Bett aufgerichtet und hielt ihn im Arm. Wir fingen an, den Patienten zu versorgen. Blutdruck, EKG, Sauerstoff, Blutzucker, Sättigung; alles unauffällig und im normalen Bereich, nur dass der Patient einfach nicht richtig schnaufte. Der Notarzt wollte einen Zugang haben und damit eröffnete sich uns auch das Problem. Den Venenverhältnissen zu urteilen hatte der Patient ein eindeutiges Drogenproblem.

Da hätte ich schon das erste Mal platzen können, weil ich ja vor nicht ganz drei Minuten nach Vorerkrankungen, Medikamenten und auch Drogen gefragt hatte, und der Sohn mir einfach ins Gesicht gelogen hatte, dass der Papa ja nicht´s nimmt. Ich fragte jetzt nochmal: „Was spritzt sich dein Vater und seit wann?“ - „Heroin seit zwei Jahren immer mal wieder“, kam die genuschelte Antwort. Ok, dann wissen wir ja worin das Problem mit dem Atmen liegt. Wir versuchen zu dritt eine Vene zu finden, die noch nicht total kaputt war und wurden schließlich auch fündig. Nadel liegt, Infusion läuft, Doktor spritzt das „Gegengift“ und wir bereiten den Transport vor mit Anmeldung Intensives-Toxikologisches-Bett.

Als alles soweit stand, packten wir unser Equipment zusammen, legten den Patienten auf die Trage und schickten uns an, den Ort zügig zu verlassen als hinter mir die „zarte“ Stimme des Sohnes erklingt: „Ey Alte, und was ist mit eurem Müll?“ Hat der mich gerade „alt“ genannt? Ich schlucke, drehe mich um und meine in einem halbwegs stabilen Ton: „Wäre nett, wenn du den einfach in den Müll werfen würdest.“ Sohn: „Ey, was seid ihr denn für Assis? Dass ihr einfach euren Dreck hier flacken lasst!“

Ich glaub, für ungefähr eine hundertstel Sekunde entglitten mir die Gesichtszüge. Dann zog ich hörbar die Luft ein und setzte mein berühmt und vor allem berüchtigtes Gesicht auf. Es verfehlte seine Wirkung nicht. Ich sah wie der kleine Checker unter meinem Blick ganz klein wurde und sich wohl kurz überlegte, ob er jetzt und hier seinen Meister gefunden hatte.

Mit der dazu passenden Stimme erklärte ich ihm den Sachverhalt so, dass auch er es verstehen konnte: „Ey, Alter, wir sind die Assis´s, die deinem Vater gerade das Leben gerettet haben. Also wäre es wohl nicht zu viel verlangt, wenn du einmal in deinem Leben etwas Selbstloses tust und den Müll für uns wegschmeißt, ok?! Diskussion beendet!

Ich drehte mich um und verließ die Wohnung, um mich um meinen eigentlichen Job zu kümmern, der nichts mit Kindererziehung zu tun hat. Leider weiß ich nicht, ob der junge Herr den Müll für uns weg gebracht hat, oder ob er es nur an seine Mutter delegiert hat. Ist es nicht traurig, dass man sich über die Menge eines halben Kosmetikeimers so anmachen lassen muss?

Für alle nicht rettungsdienstlich bewanderten Leser: Wenn wir wirklich viel Müll produzieren, z.B. bei einer Reanimation, dann räumen wir danach immer alles weg. Dann sind wir aber in der Regel auch mehr als zu dritt und ansonsten fragen wir, ob wir den Müll bitte liegen lassen dürfen, weil es eilig ist. Bisher hat auch noch nie jemand was gesagt. Eigentlich sagen die Leute eher, wenn wir aufräumen:“Ach, lassen Sie nur liegen, wir räumen das für Sie weg!“

Ich hatte nicht mitbekommen, ob jemand von uns gefragt hatte, aber selbst wenn nicht, finde ich die Aussage des kleinen Obercheckers das Allerletzte!

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