16.03.2010

Totenstille

Autor: Joanna Eglmeier

Wieder mal ein Frühdienst, wieder mal Augenringe wie LKW-Reifen. Bisher verlief der Tag normal. Normales Ein satzaufkommen. Ein Sturz im Altenheim, ein Krankentransport, ein leichter VUVerkehrsunfall. Alltagsgeschäft. Nicht´s, was sich belastend in die Seele brennen könnte.

Es ist Frühsommer, ich sitze gerade im zweiten Hof der Wache im so genannten Salettl, eine Art Biergarten nur ohne Bier, dafür mit der fünften Tasse Kaffee und komme gerade über das zu frühe Aufstehen hinweg. Dana, unsere RARettungsassistenten-Praktikantin und ich ratschen über Motorräder und die bevorstehende Saison. Wo unser „Häuptling“ Walter sich rumtreibt, weiß ich nicht, aber dass er gleich zu uns stoßen wird, weiß ich, denn der Piepser brummt auf dem Tisch.

Dana läuft zur Nachrichtenstelle, um das Fax zu holen und ich bewege mich zum RTWRettungs-Transportwagen, leicht betrübt dass auch dieser Kaffee wieder kalt werden wird.

Ich steige ein, starte den Motor, drücke Status 9 und gleich 3 hinterher. Dana kommt mit dem Fax gelaufen und ich denke noch: "Was kuckt die denn so komisch?" Walter steigt ein und fragt, was wir haben. Dana gibt das Fax durch das Seitenfenster und sagt: "Busunglück - Reisebus auf der Autobahn die Böschung hinabgestürzt." Ich glaube, auch mir entgleiten gerade die Gesichtszüge. Dana springt hinten ins Auto, die Leitstelle ruft und Walter bestätigt ungläubig die Einsatzmeldung vom Fax. Wir schalten auf den Feuerwehrkanal und rollen in Richtung des sich öffnenden Tores. Die Hallentore der Feuerwehr haben sich auch geöffnet, der Zug rückt mit aus. Ich warte das Ampelsignal ab, dass die Straße vor der Wache absperrt und schieße aus dem Hof. Noch bevor ich richtig hoch beschleunigen kann, schießt unser NEFNotarzt-Einsatzfahrzeug an uns vorbei. Klar der kleine BMW ist natürlich schneller. Sollen sie nur vor fahren, ich muss da nicht der Erste sein!

Auf der Anfahrt instruieren wir Dana, wie sie sich verhalten soll. „Bleib einfach an meiner Seite!“, sagt Walter immer wieder zu ihr und dann: „Des is eh a Scheißdreck. Da hat einer überreagiert. Des kann nicht sein.“ Ich habe im Ohr: Das Beste hoffen und das Schlimmste erwarten. Dana ist relativ gelassen. Sie ist Berufssoldatin und war schon oft im Kriegsgebiet. Sie hält sich an meine Devise. Hilft ja nichts sich davor kirre zu machen.

Wir treffen ein. Es stehen schon drei große Feuerwehrautos an der durchbrochenen Leitplanke. Ich sehe die n iedergemähten Bäume und Büsche, sehe wie steil es da runter geht. „Oh, Scheiße!“ bringen wir drei gleichzeitig hervor. Wir springen aus dem Auto ohne Equipment laufen wir zum Hang. Ich bremse neben dem Notarzt ein, der ebenfalls fassungslos am Abgrund steht und starre, der Verwüstung folgend, hinab auf den kleinen Reisebus, der unten auf der rechten Seite liegt. „Ein kleiner Bus, wie ein Schulbus“, schießt es mir durch den Kopf. „Oh Gott, vielleicht ist es ein Schulbus?!“ Es ist Mittag. Bitte nicht! Ich sehe ein paar Feuerwehrler den Hang runter klettern. Unten sind schon ein paar Feuerwehr-Kollegen. Sie gehen um den Bus und hantieren daran herum. Plötzlich wird mir bewusst, wie still es ist. Nichts ist zu hören außer unseren tiefen schnellen Atemzügen. Die müssen alle tot sein! Warum schreit den keiner? Immer hört man, dass bei solchen Unfällen die Schreie der Verletzten das Schlimmste ist. Ich sehe keine Leichen, keine Körperteile … . Sind die alle zerquetscht unter dem Bus? Bin ich taub oder träume ich nur?

Weiter vorne klettert ein Mann mit Hilfe zweier Feuerwehrmänner den Hang rauf. Ist er der einzige Verletzte? Oder ist er nur ein Augenzeuge, der angehalten hat, um zu helfen? Wo steht sein Auto?

Der Einsatzleiter der Feuerwehr kommt auf den Notarzt und mich zu und sagt: „Der Bus ist leer.“ Dieser Mann dort, der den Hang gerade hoch kommt, ist der Fahrer und er ist nur leicht verletzt. Ich starre den Einsatzleiter an, dann den Notarzt und kann es nicht glauben. Auch der Doc ist sprachlos. Der Mann wird uns an die Hand gegeben, und wir gehen mit ihm in den RTW. Dort legen wir ihn hin, ziehen ihn aus. Stifneck, Bodycheck, Vitalwerte. Eine Prellmarke am Thorax ohne Atemprobleme und eine relativ tiefe Schnittwunde am rechten Unterarm. Mehr nicht. Er erzählt, dass er zu schnell in den Zubringer gefahren ist, und dann hat ihn noch eine Windböe erwischt. Er hätte falsch reagiert und schon sei es abwärts gegangen. Gott sei Dank sei er allein gewesen! Er hatte seine kleine Seniorengruppe vor einer halben Stunde abgeliefert. Wir ziehen das Polytrauma-Managment durch mit Sauerstoff und zwei Zugängen und fahren dann in den nächsten Schockraum. Auch wenn der Patient nur leicht verletzt aussieht, muss man bei diesem Unfallmechanismus vom Schlimmsten ausgehen.

Im Nachhinein erfahren wir, dass er so unglaubliches Glück hatte. Ein paar gebrochene Rippen, ein gebrochener Wirbel ohne neurologische Beteiligung, die Schnittwunde, geprellte Niere und weitere oberflächige, multiple Prellungen.

Ich hab schon im RTW zu ihm gesagt, er hätte heute seinen zweiten Geburtstag, und ich hoffe, er feiert ihn a uch brav jedes Jahr.

Immer, wenn ich in den Medien so schreckliche Bilder über Busunfälle sehe, muss ich daran denken, was ich gedacht und gefühlt habe. Ich bete dann immer, dass die Kollegen vor Ort und alle anderen Beteiligten das ohne Schaden überstehen und bin dankbar, dass nicht nur unser Patient so glimpflich davon gekommen ist.

Text druckenText drucken

Weitere Texte von Joanna Eglmeier

Titel: Veröffentlicht am:
Personalmangel 21.11.2010
Blutverdünnende Medikamente 15.03.2010
Motorrad 15.03.2010
Unverschämt 23.02.2010
Jörg N. - Mein Schicksal 19.02.2010
Eine verlorene Mutter 06.01.2010
Zerrissenes Herz 22.12.2009
Eis 22.12.2009
Das Gefühl ein Leben gerettet zu haben 22.12.2009
Autoren gesucht

Wir sind immer auf der Suche nach neuen Blaulicht-Autoren, die Texte aus ihrem Einsatzalltag auf der Website veröffentlichen möchten.

Besondere schriftstellerische Fähigkeiten sind nicht erforderlich. Was zählt, ist die Lust am Schreiben.

Anmelden könnt ihr euch hier. Wir freuen uns über jedes neue Gesicht.

Neue Texte

24.04.2012

Retter in Not

Christian

13.04.2012

Immer wieder Sonntags?!

Paul

28.02.2012

Mein erstes Horrorszenario

Sarah

Neue Autoren