21.11.2010
Personalmangel
Autor: Joanna Eglmeier
Frühdienst. Noch bevor man das Auto checken und den ersten Kaffee trinken konnte, läutet der Gong auf der Wache und alle Lichter gehen an. Aus dem Lautsprecher erklingt die Stimme eines Feuerwehrmannes aus der Leitstelle: Bau***nd Straße 5, dritter Stock, Florian 4/76/1, 1. HLF und Sama 1454. BEWUSSTLOS.
Wir rennen zum Auto, fliegen fast zeitgleich mit dem Notarzt aus der Wache, sehen im Rückspiegel wie das HLF mühsam versucht Schritt zu halten. Die Straßen sind noch leer, die Stadt noch nicht ganz erwacht. Im Altenheim bewusstlos? Das ist doch um diese Uhrzeit eine Leichenschau. In der Nacht sanft entschlafen und nun erreichen die Schwestern den Hausarzt noch nicht. Damit aber der Stationsablauf beginnen und zeitgerecht abgearbeitet werden kann, wird bei der 112 angerufen. Das ist nicht falsch. Aber schade, dass sogar ein friedlicher Tod noch so eine Hektik auslösen kann.
Wir kommen an, springen aus dem Auto, rupfen das ganze Equipment raus und laufen los. Letztlich weiß man ja doch nie, ob nicht doch vielleicht noch was getan werden kann. Vielleicht ist es ja nur ein Unterzucker, den wir beheben können, und alle freuen sich …
Nein, kein Unterzucker. Aber sanft entschlafen sieht auch anders aus. Die Frau liegt falsch herum im Bett. Sie ist tot. Das sehe ich von der Tür aus. Was ich aber noch sehe, lässt mich stutzen. An der Brust hat sie Prellmarken und die eine oder andere Abschürfung. Auch auf der rechten Backe hat sie einen großen lila Fleck. Mit mehr Phantasie könnte man von rabiater körperlicher Gewalt aus gehen. Aber wer schlägt schon eine alte Dame von knapp 80 Jahren in ihrem Bett grün und blau?
Wir treten näher. Auch der Notarzt schaut stutzig. Mir kommt es fast so vor, als ob man die Frau mit einer Holzlatte geschlagen hätte.
„Was war los?“, fragt der Doktor.
Schwester: „Wir kamen zum Wecken ins Zimmer, da lag sie halb zwischen den Latten des Bettgitters mit dem Kopf Richtung Boden. Die Patientin ist sehr unruhig in der Nacht und hat darum ein Bettgitter. Als die Nachtschwester um 1 Uhr im Zimmer war, war noch alles gut.“
„Um ein Uhr? Jetzt ist es sieben. Wann schaut denn sonst noch jemand nach?“, frage ich fassungslos.
Das ist eine Station mit mehreren solcher Patienten. Das geht doch nicht. Gitter hoch und gut. „Zu wenig Personal,“ höre ich von der Schwester. Der Notarzt schüttelt den Kopf und setzt sich, um den Totenschein zu schreiben, während der Kollege das EKG für die Nulllinie aufklebt.
Ich gehe zum Auto zurück. Kaue erst auf meiner Unterlippe rum, bevor ich meine Kippen aus dem Auto kramen kann. Ich hab die Bilder im Kopf. Da ist eine verwirrte, alte Frau, die sich in ihrer Demenz irgend etwas einbildet, vielleicht Krieg, und will nur flüchten. Dabei dreht sie sich im Bett, schafft es nicht über das Bettgitter, glaubt vielleicht dass sie zwischen den Holmen durchkrabbeln kann und verheddert sich. Ihr fehlt die Kraft sich zurück zu drücken und die Luft zum Hilfe schreien. Wenn es denn jemand gehört hätte. Da erstickt eine Frau in ihrem Bett, weil es nicht genug Personal gibt, das mal öfter nach den Leuten schauen kann. In was für einer Welt leben wir?
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