15.03.2010

Motorrad

Autor: Joanna Eglmeier

Es ist Sommer. Strahlender Sonnenschein hat mich heute wie immer aufgeweckt, weil mein Rollo im Dachfenster neben meinem Bett kaputt ist. Und immer hab ich gedacht: „Toll, und ich hab Nachtschicht!“

Es ist kurz nach 22:00 Uhr. Wir haben den RTWRettungs-Transportwagen vom Spätdienst übernommen und auf Vollständigkeit gecheckt. Jetzt sitzen wir mit einigen Kollegen der Feuerwache im Salettl im zweiten Hof der Feuerwache. Die Kollegen haben schon seit 7.00 Uhr Dienst und konnten die Sonne daher auch nicht wirklich genieß en. Aber jetzt ist es schön. Die Sonne ist gerade erst untergegangen, wobei es noch nicht stockfinster ist. Es ist so angenehm warm. Genau richtig. Nicht zu heiß und schwül aber auch noch nicht frisch. Eine leichte Brise schleicht gelegentlich um uns herum. Es riecht sogar nach Sommer. Eine Mischung aus angetrocknetem Gras, Wasser, Sonnencreme und Salz.

Gerade bedauere ich, nicht im Biergarten zu sitzen, als der Piepser auf dem Tisch vor mir brummt. „Gott, wie ungemütlich,“ denke ich noch und verdreh die Augen, weil ich doch gerne noch die Geschichte von dem Feuer zu Ende gehört hätte, die ein Feuerwehrler gerade erzählt hat.

Ich steige ins Auto und lasse den Motor an. Mein Partner kommt und schmeißt die Jacken zwischen unsere Sitze. Gut, dass wenigstens er an meine Jacke gedacht hat. Ich roll in den ersten Hof und öffne mit dem Teletaster das Tor, das erst vor ein paar Minuten geschlossen worden ist, damit auch keiner von uns geklaut wird ;). Michi nimmt den Einsatz an: „VUVerkehrsunfall mit Notarzt und zweiten RTW.“ Ich brauche nicht in den Stadtplan zu schauen, ich kenne die Kreuzung. Dort in der Nähe bin ich aufgewachsen. Es gibt da eine Art Bach, der im Winter immer zufriert. Dort sind wir immer Schlittschuh gelaufen. In einem Sommer ist unser Hund mal in diesen Bach gesprungen, weil ich den Wurf mit seinem Ball verrissen hatte. Meine Schwester hinterher, weil sie den Hund retten wollte und dann ich, weil ich sie retten wollte. Das Wasser ging uns bis zur Hüfte und Prousta stand mit Ball im Maul am anderen Ufer.

Ich lache leise bei der Erinnerung und werde vom eigenen Tatü-Tata in die Realität zurückgeholt. „Wie kann denn da so ein schwerer Unfall passieren?“ frag ich mich auf den letzten Metern. Wir sind die Letzten, die eintreffen. Der Notarzt und der andere RTW sind schon da. Ich sehe einen Geländewagen m itten auf der Kreuzung stehen, links davon das kleine Notarztauto und ein Stück weiter hinten den RTW. Ich denk noch „Oh, eventuell ist ein Passant angefahren worden,“ als ich mit dem letzten Schwung um den Geländewagen fahre und sich die ganze Tragödie offenbart: Rechts neben dem Geländewagen und jetzt direkt vor meiner Schnauze liegt ein schwarzes Metallknäul. Das rechte Ende der Knäuels sieht so aus, als wäre es mal ein Motorroller gewesen, ansonsten passt der Abdruck des Knäuels haargenau in die Beifahrerseite des Geländewagens. Ich reiße meinen Blick vom schwarzen Knäul und sehe, wie der Notarzt, sein Fahrer und die RTW-Besatzung den Fahrer des Rollers auf der Straße reanimieren. Ich glaube zumindest, dass er zum Knäul gehört. Sie haben ihm die Lederjacke runter geschnitten. Wer sonst sollte bei dem Wetter eine Lederjacke tragen? Wir springen aus dem Auto, wollen die Kollegen unterstützen.

Michi reißt unsere Schiebetür auf. Ich will zur Reanimation laufen und stolper dabei über unzählige Metall- und Plastikscherben und Splitter. Links neben mir liegt ein Helm. Ich bleibe stehen, schaue auf die Reanimation. Sie kämpfen schon zu sechst um sein Leben. Hand in Hand, keine Hektik, jeder ma cht seine Handgriffe. Ich brauche nicht näher hin zu gehen. Alles läuft, der Patient hat alles, was er braucht. Ich schaue nach rechts und lege den Kopf schief, als ich einen Reifen von dem Roller genauer anschaue. „Ganz schön groß,“ denke ich. Ich schau auf das Knäuel zu meinen Füßen und realisiere, dass auch das Knäuel noch relativ groß für einen Roller ist. Wie mit Eiswasser überschüttet, wird mir klar, dass es mal ein Motorrad war. Eine groß schwere Maschine!

Jemand legt mir seine Hand auf meine linke Schulter, ich drehe mich rum und schaue einem fremden, besorgten Mann ins Gesicht. Er fragt, ob jetzt auch mal einer nach der Beifahrerin schauen könnte, die wäre da drüben. Er deutet auf das Gasthaus am Eck, wo ein junges Mädchen auf einen scheinbar geklaut en Biergartenstuhl sitzt und mit riesigen Augen ins leere starrt. Vier Leute stehen um sie rum und versuchen, sie immer wieder am Aufstehen zu hindern, sie zu beruhigen, sie überhaupt anzusprechen. Ich gehe zu ihr. Sie ist wach aber nicht ansprechbar. Berührungen wehrt sie ab. Der erste Bodycheck ist unauffällig bis auf eine große Beule an der Stirn. Die Zeugen erzählen, dass sie über das Auto geflogen ist, den Helm verloren hat und nach dem Aufprall bewusstlos war. Ok, also Polytrauma-Management.

Ich will mit dem Mädchen in ein Auto, um mehr Licht zu haben und um sie aus dem Blickfeld der Reanimation zu haben. Ein Kollege vom anderen RTW kommt mit einer Trage. Wir legen ihr einen Stifneck an und legen sie dann auf die Trage. Ich steige mit in den RTW, obwohl es nicht meiner ist. Aber nachdem ich mit meiner Patientin beschäftigt war, hab ich nicht mitbekommen, ob und was abgesprochen wurde. Darum war es mir auch erst mal egal, in welchem Auto die Versorgung läuft. Zweiter Bodycheck so unauffällig wie der erste, nur die Beule und der psychische Schock. Blutdruck und Puls waren erhöht, Sauerstoffsättigung 99%.

Ich entscheide trotzdem weiteres Polytrauma Management. Unser Notarzt ist noch bei der REA gebunden, deshalb bestell ich für das Mädchen einen nach. Sie wird auch immer unruhiger, befolgt keine Anweisungen und wehrt sich immer vehementer gegen unsere Tätigkeiten. Keiner findet einen Draht zu ihr., Ke iner kann sie beruhigen. Für die Infusion müssen wir sie schon richtig festhalten. Das EKG Kabel reißt sie immer wieder ab und an eine Sauerstoffmaske ist nicht zu denken. Als der Notarzt eintrifft, gibt er ihr erst mal was zur Beruhigung. Das hilft ihr und uns. Für das Mädchen wird ein Schockraum angefordert, dann wird sie umgelagert und mit dem NAW transportiert.

Ich steige aus dem RTW und sehe, wie das andere Team die Reanimationsversuche einstellt. Auf der Kreuzung wird er für tot erklärt. Wie oft bin ich über genau die Stelle gelaufen? 500m weiter ist die Kirche, in der ich Kommunion und Firmung hatte. Ich sehe das neunjährige Mädchen vor mir, das stolz wie eine Prinzessin in ihrem weißen Kleid über eben diese Stelle gelaufen ist.

Ich schüttel den Kopf. Mehr kann man oft nicht machen. Aber es hilft dafür auch. Manchmal muss man etwas länger oder häufiger Schütteln damit nicht jedes Mal Nacht wird, wenn man über diese Kreuzung fährt, aber es wird stetig leichter und besser.

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