19.02.2010
Jörg N. - Mein Schicksal
Autor: Joanna Eglmeier
Bis zu diesem Tag war ich der Meinung, dass es nichts in diesem Job geben könnte, was meine Entscheidung zum Rettungsdienst zu gehen, in Frage stellen würde. Aber dann kam Jörg, und ich musste für mich eine Entscheidung treffen.
Es war Nacht, und obwohl wir gestern erfolglos reanimiert hatten, war ich immer noch der Meinung, nach acht Wochen Ausbildung und Rettungswachenpraktikum könnte ich alles schaffen. Leider hört man nie auf zu lernen und manches stellt auch das Leben einer hart gesottenen Joanna auf die Probe.
Wir saßen also zu dritt (meine beiden Ausbilder und ich) in der Wache und grübelten nach, ob MCPMedikament gegen Übelkeit i.v.intravenös nun wirklich auch oral angewendet werden könnte, damit der Döner von halb zwei nun endlich mal seinen Weg in die unteren Verdauungsorgane finden würde. Leider wurden wir in unseren Überlegungen unterbrochen, als der Piepser um 5:20 Uhr ging und uns zwang, mit mächtig Übelkeit ins Auto zu steigen. Ich muss gestehen, dass das Meldebild „Person unter Zug“ mein erst kürzlich aufgebautes Ego bis unter den linken Hinterreifen sinken ließ, wo es dann auch beim Anfahren zerquetscht wurde. Sechs Minuten Anfahrtszeit, wovon ich vier brauchte, um meine Stimme wieder zu finden, die dann fragte, was da denn auf uns und primär mal auf mich zukommen würde. Finn: „Wahrscheinlich ein Müllsack und ein neurotischer Schaffner.“
Müllsack? Müllsack ist gut! (Schweißausbruch) Die Gleise betraten wir dann ca. 2.5 km von unserem „Müllsack“ entfernt. Acht Gleise nebeneinander und keine Ahnung inwieweit die schon gesperrt waren, machten wir uns auf den Weg in Richtung Zug, der mutterseelenallein in etwa 1000 Meter Entfernung stand. Die eigentlich weiße Lok schockierte mich dann schon ein wenig und das Wort Müllsack bekam eine ganz neue Bedeutung für mich. ICE-Loks sind weiß, aber diese war rot gesprenkelt und der Schaffner saß einfach nur da und starrte genauso schockiert wie ich auf die Blutspritzer an der Windschutzscheibe. Es sieht merkwürdig aus. Als hätte jemand eine Wasserbombe mit roter Farbe gefüllt und diese dann gegen die Lok geworfen. Es fängt an meinem Hinterkopf zu kribbeln an. Dieses eigenartige Gefühl kriecht mir in den Nacken, als mir klar wird, dass dieser Vergleich nicht ganz so hinkt, wie ich es gerne hätte. Wir gingen weiter am Zug vorbei und leuchteten unter selbigen, um vielleicht etwas zu finden, was einmal ein Mensch war. Dabei schauten uns die Fahrgäste mit großen Augen an, und ich konnte ihre Gedanken lesen, als wären es meine. „Oh Gott, die Armen“. Dabei hatte ich dann auch immer den Gedanken: „Ich will nicht in ihrer Haut stecken und die wohl nicht in meiner.“
Nachdem wir den Zug hinter uns gelassen hatten, fanden wir viele Papierfetzen, teilweise blutig, und ich fragte mich noch in meiner Naivität, wo das denn alles her käme? Nach weiteren 1500 m und strengem Auf-den-Boden-Starren fing Finn das Fluchen an und mir wurde mit Andre´s Frage klar, dass ich jetzt in der Realität aufgeschlagen war. Der sieht wirklich schlimm aus. „Kannst und willst du es sehen, oder soll ich dich zum Auto bringen?“ Von wollen konnte keine Rede sein, aber ich schützte falschen Mut vor und wollte es sehen, denn das gehört zum Job. Und ich sagte mir, dass ich das als Rettungsassistentin später auch mal managen müsste.
Schlecht wurde mir nicht, aber der Döner fand dann doch sehr plötzlich den richtigen Weg und hing nun bleischwer in meinem Unterbauch. Der Verunglückte lag im Nachbargleis auf dem Bauch. Sein Kopf war oberhalb der Ohren einfach nicht mehr da. Sein linker Arm lag nach vorne ausgestreckt und es war kein Knochen mehr ganz, weil sich jeder Stein der Gleisbettes durchdrückte. Der rechte Arm lag wohl unter der Leiche, beide Beine waren mittig des Oberschenkels abgerissen. Ein Bein lag links neben ihm, das zweite war nirgends zu sehen.
Finn: „Wo ist eigentlich der Kopf?“
Andre: „Ich weiß nicht. Ich hab auch schon geschaut. Joanna, lauf mal noch ein Stück weiter und schau, ob du was findest.“
Das ist nicht zu beschreiben! Das Kribbeln am Hinterkopf war sofort wieder da, nur dass es diesmal viel intensiver in den Nacken kroch und sich über das gesamte Rückenmark im Körper verbreitete. Die Erkenntnis, einen Kopf zu suchen und ihn nicht zu finden, weil er in kleinen Bröckchen an der Lok gegen die Schwerkraft kämpft, ist beim ersten Mal unfassbar.
In meinen Ohren baute sich ein leichter Druck auf und ich hörte mein Blut abwärts rauschen, als Andre mich an den Schultern griff und mich mit den Worten „Schon gut, vergiss es,“ an den Rand des Szenarios stellte.
Ich fing mich wieder und beobachtete das scheinbar routinierte Treiben der Kollegen von der Polizei, Feuerwehr, uns und dem Kriseninterventionsteam. Werde ich das auch irgendwann so können? Schutzschild hoch und funktionieren? Das konnte ich mir in diesem Moment nicht vorstellen.
Wir fuhren zur Wache zurück. Andre und Finn gaben sich echt Mühe, mich psychisch wieder zu stabilisieren, doch ich war nicht richtig ansprechbar. Ich wollte stark sein und konnte es noch nicht. Ich schämte mich dafür, dass die Jungs mich betütelten, doch jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich die Bilder von Jörg wieder. Jörg, so hieß er und war grad mal 3 Jahre älter als ich. Er war auch kein Springer, wie wir Suizide nennen, sondern ein Bahnangestellter, der einfach den Zug übersehen hatte. Am nächsten Tag erfuhr ich aus der Presse, dass er schon seit langen um Versetzung in Richtung Heimat gebeten hatte, und die Bahn hatte es immer wieder verschoben. Man kann sich denken, dass ich mich oft frage, ob er noch leben würde, wäre er versetzt worden.
Aber richtig hart war auch die Reaktion der Menschen, welche mir an dem Vormittag begegneten. An Schlafen war nicht zu denken, deshalb fuhr ich mit meiner Mutter auf die Auer Dult, ein nettes kleines Volksfest mit bayerischer Tradition und Gemütlichkeit. Ich wollte mich ablenken mit dem Gewusel der Leute, den bunten Farben und den süßen Düften der ganzen Leckerein. Doch was mir dort passiert ist, finde ich auch heute noch das Allerletzte! Ich stand an einem Standl und sah mir Handtaschen an, während sich nebenan zwei Frauen unterhielten: „Heute früh hat sich im Westen wieder so oaner vorn Zug gworfen, und deshalb bin ich heute zu spät gekommen. Dass die sich nicht einfach Zuhause erhängen können und rechtschaffene Bürger auch noch belästigen und aufhalten müssen.“
Mir blieb der Mund offen stehen, grenzenlose Wut, Trauer und Fassungslosigkeit vermischten sich in meinem Herz, als mein Handy klingelte und ich völlig betröpelt ran ging. „Hi, hier ist André, du kommst doch heute Abend wieder zum Dienst, oder? Hör mal, du musst noch mal mitfahren! Wenn du dann nicht mehr willst, ist das ok aber wenn du es nicht tust, wirst du dieses Trauma vielleicht nicht verarbeiten können.“ - "Ok?!" war das Einzige, was ich sagen konnte, und legte auf.
Andre hatte Recht. Ich kam wieder und ich bin geblieben, weil wir in der nächsten Nacht ein Baby auf die Welt gebracht haben, in der Jörg gestern so schrecklich gestorben ist. Ich habe erkannt, dass Leben und Tod zusammen gehören und dass wir oft dabei sind, wenn wir mit Blaulicht und Sirene durch die Stadt jagen.
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