22.12.2009
Das Gefühl ein Leben gerettet zu haben
Autor: Joanna Eglmeier
Ich fahre Tagschicht auf der Außenwache, die am meisten verspricht, dass es sehr ruhig wird. Also hab ich meine Unterlagen aus der Ausbildung eingepackt, um diese noch mal durchzugehen, weil ja bald mein Abschlussgespräch ansteht. Nancy, meine beste Freundin seit unserer Kindergartenzeit, fährt heute als Praktikantin mit. Sie möchte noch etwas mehr Routine bei Notfällen bekommen, um bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Sanitätsdienst ruhiger zu sein.
Am Ende dieses Tages habe ich aber dann doch nichts aus Büchern gelernt, und Nancy weiß jetzt auch, dass es keine Routine in unserem Job gibt.
Nachdem wir zu Beginn der Schicht einen normalen kleinen Einsatz hatten, riss mich der Piepser zum zweiten Mal aus meinen Vorbereitungen zum Lernen. „Sturz im Alten-und Servicecenter um die Ecke“. Andy meint noch während der Anfahrt, dass man dort eigentlich fast immer ‘nen Schmarrn erwarten könne. Mir ist das egal, weil ich eigentlich nur schnell zur Wache zurück will. Bei der Einsatzadresse angekommen, führen uns die Schwestern zu einem ca. 80-jährigen Patienten, der mit einer Kopfplatzwunde am Boden sitzt. Er ist wach, ansprechbar und Kreislauf stabil. Kurze Bewusstlosigkeit mit retrograder Amnesie. Ansonsten auf allen Ebenen orientiert und keine weiteren Verletzungen feststellbar. Nancy holt die Personalien bei der Schwester, Andy die Trage und ich baue einen schönen Kopfverband an den Patienten. Ich scherze noch mit dem Patienten und denke noch: "Schön, dass sich das mit dem Schmarrn ja doch nicht erfüllt hat." Beim Umlagern fängt der Patient dann an, sich schön und ausgiebig zu erbrechen. Ok, Gehirnerschütterung. Ganz klassisch, denk ich noch. Wir lassen ihn fertig spucken und schieben ihn dann ins Auto. Blutdruck, Sättigung, Puls, und Blutzucker alles im grünen Bereich und zu den bekannten Vorerkrankungen passend. Nur Gott weiß, warum ich noch ein EKG geklebt haben wollte. Aber Gott wusste wohl auch, dass das sowohl mir als auch dem Patienten den Hintern retten würde.
Ich drück also das grüne Einschaltknöpfchen am EKG und denk im ersten Moment noch: „Komische Verwacklung! Ah, da ist ja mein Sinusrythmus, also alles ok. Oder doch nicht? Was ist dass denn? Eine VT
Ventrikuläre Tachykardie:
eine ernste Herzrhythmusstörung
?“ Ich drücke auf Drucken und habe wirklich eine VT aus dem Lehrbuch in meinen Händen. Blick zum Patienten: bisschen blass aber ok, Puls da. Ich schreie nach vorne, dass Andy wieder hinter kommen soll und einen Notarzt auf VT bestellen soll. Nancy versteht nicht ganz, dass etwas nicht stimmt aber das kann man bei ihrer San-Helfer Ausbildung auch nicht erwarten, jedenfalls tut sie, was ich ihr sage. Sauerstoff aber schnell! Andy kommt nach dem Funken zu mir und schaut aufs EKG, während ich mir eine Vene suche. Wieder Sinusrythmus! Wenn er den Ausdruck nicht in der Hand halten würde, er hätte mich für verrückt erklärt. Der Patient muss sich schon wieder übergeben. Andy macht die Infusion fertig und ich nutze die Ablenkung des Patienten für den fiesen Stich am Handrücken. So, Infusion liegt, Patient hat zu Ende gebrochen, O2 auf der Nase. Ich krame nach dem Beutel denn sicher ist sicher. Nancy schaut mich fragend an, und ich erklär ihr kurz, dass der Patient an dieser Rythmusstörung sterben kann. Damit hab ich es wohl auch verschriehen. Denn ich höre hinter mir ein Röcheln und schaue auf Patienten und EKG. Da ist es wieder, das Tod bringende Bild, nur dass der Patient jetzt pulslos und bewusstlos ist. Oberkörper runter, Andy schlägt auf den Brustkorb. Keine Wirkung. Ich Päddels drauf und hochladen. „Scheiße“, denke ich noch und spüre wie das Adrenalin durch meinen Körper schießt, sehe Nancy´s verständnislosen Blickund werde durch das Dudeln vom Defi aus meinen Gedanken gerissen. Schuss! Gleichmäßiges Piepen auf dem Monitor, Patient schreckt hoch und schnappt nach Luft. Ist das alles wahr? Oberkörper hoch, Pulsmessen, „tief Luft holen“, sage ich laut und meine damit nicht nur den Patienten. Jetzt schaue ich Andy und Nancy fassungslos an. Der Patient erbricht schon wieder. Dann erneut diese fiese VT! Alles wieder von vorne. Oberkörper runter, kein Puls, Paddels drauf und Schuss! Erneut schreckt der Patient nach meiner rabiaten Behandlung hoch, sieht mich an und fragt: „Was ist denn passiert?“ - „Gar nichts, bleiben Sie ruhig. Der Notarzt ist gleich da“, sage ich mit meiner letzten verbleibenden Spucke. Da höre ich auch schon das Gedudel vom NEF
Notarzt-Einsatz-Fahrzeug
und bin irgendwie erleichtert, dass ich die Verantwortung jetzt abgeben kann. Kurze Übergabe an den Medizinmann und los geht der Tiefflug in den Schockraum.
Der Patient ist stabil. Es gibt keine Vorkommnisse mehr während der Fahrt. Das Herz hat sich wohl dafür entschieden, dass es jetzt keine Lust mehr auf Spielchen mit mir hat und das zwei Mal Defibrilieren ausreichend sind. Wir geben den Patienten im Schockraum ab. Es ist, als wenn nie etwas gewesen wäre. Wieder am Auto erkläre ich Nancy, was jetzt eigentlich alles passiert ist. Auch sie steht da und kann es noch nicht begreifen, dass wir gerade ein Leben gerettet haben. Genau so wie man es immer erwartet hat. Genau darum ist man zum Rettungsdienst gegangen. Darum heißt es ja auch „Rettungsdienst“. Aber das Gefühl, dass wir jetzt haben sollten, ist nicht da. Man erwartet, dass man nach so einem Erlebnis die ganze Welt umarmen könnte, dass man sich unbesiegbar fühlt, dass es nichts Besseres auf der Welt geben könnte. Aber so ist es nicht. Man hat das getan, wofür man ausgebildet wurde, wofür man da ist. Nennt mich kaltschnäuzig oder arrogant, aber ich bin nur froh, dass der Patient überlebt hat und dass wir ihm helfen konnten. Wir sind keine Helden, nur Menschen, die dafür ausgebildet wurden, um genau das zu tun, was wir getan haben.
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