15.03.2010
Blutverdünnende Medikamente
Autor: Joanna Eglmeier
„Nehmen Sie blutverdünnende Medikamente? Marcumar, Plavix, ASS?“ Diese Frage stelle ich oft. Immer, wenn jemand gestürzt ist. Dabei unterscheide ich auch nicht zwischen jungen und alten Patienten, denn man weiß ja nie, ob nicht auch ein junger Patient eine Erkrankung hat, die einer Blutverdünnung bedarf. In meiner Ausbildung wurde sehr viel Wert auf diese Frage gelegt, weil es je nach Situation zu erheblichen Problemen kommen kann, wenn ein Patient nicht aufhören kann zu bluten. Das beginnt in einem leichteren Fall bei einer Einblutung nach Fraktur und endet im schlimmsten Fall bei einer Hirnblutung. Darum hat es da auch oft empfindlichen Notenabzug gegeben. Man sollte also meinen, dass jeder medizinisch versierte Mensch daran denkt. Aber leider kommt es immer wieder mal vor, dass wohl vor lauter Stress und Hektik die Alarmglocken nicht schrillen oder nicht gehört werden. So auch in diesem Fall.
Wir bekommen die Einsatzmeldung „Sturz“ in der Wohnung. Wir fahren hin, ist nicht weit,nur zwei oder drei Kilometer. Wir stehen quasi daneben. Mit Rucksack, EKG und Sauerstoff quetsc hen wir uns in den Aufzug. Oben erwartet uns ein Mann ca. 35-40 Jahre und führt uns in das Schlafzimmer seines Großvaters. Eine ältere Dame sitzt weinend am Bettrand. Wahrscheinlich die Ehefrau des im Bett liegenden Patienten. Der Patient liegt mit offenen Augen und starren Blick im Bett und stöhnt. Gelegentlich versucht er wohl etwas zu sagen, aber es sind unverständliche Laute. Auf Ansprache reagiert er gar nicht, nicht mal Blickkontakt Das Kopfkissen ist voller Blut. Es sickert aus einer schlecht genähten, halb aufgeplatzten Wunde an der rechten Kopfseite. Der Enkel erzählt, dass der Opa am Nachmittag gestürzt sei, weil er über eine Unebenheit gestolpert sei. Er sei dann in die Wohnung gekommen und hatte seinen Hausarzt alarmiert. Dieser kam dann auch nach Hause, um die Wunde zu nähen, weil dem Opa schlecht gewesen wäre und er nicht mehr Auto fahren wollte. Von Röntgen sei nie die Rede gewesen, nur vom Tetanusschutz und der Versicherungskarte. Ebenso vom Streß in der Praxis und vom Ins-KrankenhausFahren, wenn es ihm morgen noch schlecht gehen sollte. Ist ja schließlich Wochenende. Wobei der Patient noch meinte: „Das wird´s nicht brauchen. Im Krankenhaus sterben die Leute ja nur.“
Wir bestellten uns einen Notarzt auf somnolent bei Verdacht auf Hirnblutung nach Sturz. Gleichzeitig ließen wir die Leitstelle nach einem geeigneten Intensivbett suchen.. Pupillenrea ktion: eine ist weiter als die andere. Wir versorgen die Wunde mit einem Druckverband und fragen die Standardfrage: „Nimmt er blutverdünnende Medikamente?“ - „Ja, er nimmt Marcumar.“ Er sollte nächste Woche noch in die Praxis kommen, um den Quick erneut zu bestimmen, weil man die Dosis wohl herabsetzen müsste. Der Notarzt trifft ein. Er kann vor Ort auch nicht viel machen, nur versuchen, mit uns zusammen den Patienten stabil ins Krankenhaus zu bringen. Mein Kollege ist schon geflitzt, um die Trage zu holen Passt gerade so in den Aufzug, nachdem der Hausmeister so freundlich und schnell war, den Aufzug zu verlängern. Rein ins Auto und im Tiefflug Richtung Norden ins nächste, geeignete Krankenhaus.
Leider hat das alles nicht´s mehr geholfen. Im CCT wurde dann eine Masseneinblutung im Gehirn diagnostiziert. Jede ärztliche Kunst wäre vergebens gewesen. Man entschied sich, den Pat ienten palliativ zu behandeln, d..h. schmerzfrei und würdevoll sterben zu lassen. Seine Frau und die Familie konnten ihn beim Sterben begleiten und sich noch verabschieden.
Das war das einzig Gute an der Sache. Ansonsten find ich es unglaublich tragisch, dass er sterben musste, weil keiner an das Marcumar und seine Folgen gedacht hat.
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