01.01.1970

Trotz allem

Autor: Joachim Elschner-Sedivy

Trotz allem: Ein Neunzehnjähriger überholt auf einer Landstraße bei winterlichem Wetter einen Lastwagen. Trotz allem: Es ist weder Alkohol noch der Gedanke eines illegalen Wettrennens oder sonst dergleichen im Spiel, sondern der junge Fahrzeugführer ist einfach buchstäblich unerfahren und schätzt die Straßen- und Verkehrsverhältnisse falsch ein. Vor dem Lastwagen gerät er in einer Schneeverwehung auf die Gegenfahrbahn und stößt frontal mit einem entgegenkommenden Pkw zusammen, in dem sich eine vierundzwanzig Jahre junge Mutter und ihr einjähriges Kind befinden. Die Mutter wird in Großhadern behandelt, wo sie mehrfach an Wirbelsäule und Knie operiert werden muss, das Kind wird mit einem Genickbruch in der Kinderklinik des Schwabinger Krankenhauses auf die Intensivstation gebracht. Trotz allem: Eine Woche lang zieht sich ungeachtet der Schwere der Verletzung ein Schwanken zwischen Bangen und Hoffnung hin, das die nervlichen Kräfte des jungen Vaters aufzehrt. Er wird später sagen, es wäre leichter gewesen, wenn das Kind sofort tot gewesen wäre.

Als das Kind lichtstarre Pupillen aufweist, nimmt die behandelnde Kinderärztin Kontakt mit ihren Kollegen in Großhadern auf. Sie weiß, dass keine Zeit mehr zu verlieren ist, die Mutter des Kindes aber in den nächsten Tagen erneut operiert werden muss. Ein eiliger Krankentransport nach Schwabing soll der jungen Frau trotz allem ermöglichen, von ihrem Kind Abschied zu nehmen, solange der Hirntod noch nicht festgestellt wurde. Später wird auch diese Ärztin von trotz allem verständnislosen, unangemessenen und unfreundlichen Reaktionen der für die junge Mutter zuständigen Krankenschwester berichten, bis sie einen ärztlichen Kollegen ans Telefon bekommt, mit dem sie die Sache bereden kann. Bei der Bestellung des Krankentransports verdeutlicht sie dem Telefonisten die sensible Sachlage genau. Trotz allem wird der Disponent der Leitstelle den von ihm eingesetzten Krankenwagen lediglich mit folgenden Worten anweisen: Zeitvorgabe dreißig Minuten, Frau Soundso, von Großhadern Station Soundso nach Krankenhaus Schwabing, Einsatznummer Soundso.

Gewiss, es ist Sonntagabend, auch der Krankenwagen arbeitet zu diesem Zeitpunkt auf dem einzigen und dementsprechend frequentierten Funkkanal, der der Rettungsleitstelle München abends und am Wochenende zur Einsatzvergabe zur Verfügung steht. Aber so viel ist an diesem Sonntagabend auch wieder nicht los, zumindest die kurze Frage "Können Sie mal über Leine kommen?" hätte trotz allem durchaus ihren Raum gehabt. Als die KTWKrankentransportwagen-Besatzung die Station in Großhadern betritt, ertönt sogleich aus dem ersten Patientenzimmer linker Hand ein Zuruf, der sich am energischen Tonfall unschwer als die Stimme der zuständigen Krankenschwester erkennen lässt. Was hat sie gesagt? frage ich meine Kollegin im Weitergehen. Zimmer vierzehn, antwortet die Kollegin und geht trotz allem wie ich an dem Zimmer vorüber, in dem die Schwester offenbar trotz allem keine Anstalten macht, sich uns näher zuzuwenden. Also betrete ich Zimmer vierzehn trotz allem mit einer herzlichen Begrüßung und einem vergnügten Lächeln. Um das Bett der jungen Patientin sind trotz allem vier oder fünf junge Leute versammelt, an deren kleinsten Gebärden ich den Ernst der Lage sofort erspüre. Trotz allem - oder gerade deswegen, denn mir bleibt ja nichts anderes übrig - sage ich mit einem kleinen unbefangenen Lachen: "Was ist denn los?" Mir hatte noch keiner erzählt, worum es geht. "So lustig ist es nicht", antwortet der Vater des Kindes, und erzählt mir selbst die Geschichte. Trotz allem: Die erschütterndste Erfahrung, die ich am Ende dieses Abends gemacht haben werde, wird die sein, dass ein Disponent und eine Krankenschwester es fertig bringen können, eine Krankenwagenbesatzung in einem solchen Fall unvorgewarnt und kommentarlos sich selbst und der schwierigen Situation zu überlassen, in die diese Besatzung absehbarerweise geschickt wird. Denn trotz allem: Von welcher Gefühlslage zeugt ein solches Verhalten?

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