22.12.2009
In der Stadtgärnterei
Autor: Joachim Elschner-Sedivy
Es war schon spät am Abend eines Wintertages. Die Adresse lag an der Isar, aber die Wohnbebauung wurde mit der Anfahrt immer spärlicher, bis wir schließlich an einer Einfahrt hielten, die zu einem weitläufigen, stillen und dunklen Betriebsgelände der Stadtgärtnerei führte. An der anderen Straßenseite zogen sich die menschenleeren Isarauen hin. Als einzige Lichter in der Umgebung schienen die weit auseinander stehenden Straßenlaternen die Verlorenheit und Einsamkeit von Ort und Zeit nur zu vergrößern.
Hier sollte eine städtische Notunterkunft sein. Wir fanden einen kaum beleuchteten schmalen Fußweg, den man mit keinem Fahrzeug befahren konnte und auf dem auch das Schieben einer Trage oder des kleinräderigen Tragestuhls, den wir im Krankenwagen hatten, ein unerfreuliches Unterfangen gewesen wäre, und stießen nach gut hundert Metern auf eine bewohnte Baracke. Der freundliche junge Mann im Büro, den wir im Gespräch mit mehreren, vom Missgeschick ihres Lebens, von früher Alterung durch schlichteste und härteste körperliche Arbeit, von Bildungsferne, dem Kummer von liebloser Kindheit, Misshandlungen und Schicksalsschlägen, von Krankheiten und Drogenwirkungen gezeichneten Menschen antrafen, war kein Sozialarbeiter, obwohl ich ihn wegen seiner Art dafür hielt und darauf ansprach, sondern eigentlich eine bloße Verwaltungskraft, wie er sagte.
Eine besondere Betreuung für die Bewohner gebe es hier nicht. Allerdings sei das Büro rund um die Uhr besetzt. Er habe im Zimmer des Patienten schon ein wenig aufgeräumt, damit wir überhaupt an ihn herankämen. Wir sollten uns auf unangenehmen Geruch gefasst machen. Der Angestellte hatte gute Nerven und reichlich untertrieben. Es gibt gewisse Grade scharfen Gestanks, die man nicht beschreiben kann. Sie sitzen einem nachher teilweise noch tagelang in der Nase fest. Man begegnet ihnen selbst im Krankentransport glücklicherweise nur ein paar Mal im Jahr. Ob es möglich ist, dass diejenigen, von deren Daseinsweise solcher Gestank ausgeht, selber unempfindlich gegen ihn werden, oder ob sie mit ihm in unbewusster Absicht ihren Selbsthass schüren, gehört zu den für mich rätselhaftesten Fragen überhaupt.
Das kleine kahle Zimmer war, obwohl der Bewohner noch gar nicht lange dort lebte, in unvorstellbarem Ausmaß vermüllt und verdreckt, auch mit Körperausscheidungen aller Art. Am meisten ekelten mich aber die vergammelten Lebensmittel, die überall herumstanden. Zum Beispiel steckten dunkelbraun gewordene angebissene Konservenwürstchen in einem offenen Becher mit längst verschimmeltem Joghurt. Der Patient lag fast nackt seitlich auf dem verschmutzen Bett, ein geschätzte hundertachtzig Kilo schwerer formloser Fleischberg, der unentwegt mit lauter, heiserer, roher, von jeder Rücksichts- und Benimmerziehung unberührter Stimme Hilfe forderte. Seit vierzig Stunden liege er so, seit er angetrunken mit dem Taxi heimkam, könne sich nun überhaupt nicht mehr bewegen, habe darum vom Liegen auch Schmerzen. Hinter seinem Kopf lief auf einem Stuhl ein schepperndes altes Radio, Bayern drei.
Wir gingen mit drei Fragen hinaus: Hält unsere Ausrüstung sein Gewicht aus? Wie ist ein so schwerer Mensch sicher zu transportieren? Und wie kommen wir mit dem Fahrzeug näher an ihn heran? Die erste Frage konnten wir nach einer Überprüfung knapp bejahen. Die Antwort auf die zweite und die dritte Frage war dieselbe: die Feuerwehr. Denn der zweite, noch längere, gut hundertfünfzig Meter weite Zugang zu dem Haus, der auch eine Anfahrtsmöglichkeit für größere Fahrzeuge bot, war mit einem Tor versperrt, zu dem selbst der junge Mann vom Büro keinen Schlüssel hatte, wie sich erst nach einer gemeinsamen Begehung in schneidender Winterkälte herausstellte.
Die Feuerwehr, die die Adresse zunächst ebenso mühsam fand wie wir, öffnete uns erst nach insgesamt über einer Stunde das Zugangstor und half uns, endlich am geeigneten Eingang angekommen, beim Umlagern und Hinausschieben des massigen, zwar unentwegt nörgelnden, aber nicht mithelfenden Patienten über die Türschwelle. Dabei packte die HLF-Besatzung ruppig zu, sie wollte sichtlich keine Minute länger als nötig bei diesem Einsatz verbringen, hielt drinnen buchstäblich die Luft an und verbrauchte anschließend dankbar den größten Teil des Handdesinfektionsmittels, das wir im KTW hatten; manche hätten am liebsten unter dem Sterilium-Fläschchen geduscht. Abfahrt. Ich steuerte den Krankenwagen über einen Kiesweg zwischen Glashäusern und großen Pflanzkübeln vom Hintereingang der abgelegenen Notunterkunft zurück zur Straße. Ob die sehr viel größeren Löschfahrzeuge der Feuerwehr im Brandall diesen einzigen Weg hätten nehmen können, schien mir fraglich. Man hatte die sozial Schwächsten hier mitten in der Stadt ans Ende der Welt verbannt, aus dem Blick und aus dem Sinn der Bessergestellten. Wir verbrachten anderthalb Stunden in der Stadtgärtnerei, der Einsatz erzeugte erhebliche Kosten. Den verwahrlosten, hilfsbedürftigen Patienten in diese unbetreute, unzugängliche Unterkunft einzuweisen, erschien uns als eine völlig unverständliche, krasse Fehlentscheidung der städtischen Sozialbürokratie.
Einige Wochen später hörte ich am Funk, wie ein anderer Krankenwagen den Auftrag zum Rücktransport des Patienten aus dem Krankenhaus an genau die Adresse erhielt, an der wir ihn abgeholt hatten. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen, hörte dann aber den beauftragten Kollegen sogleich einwenden, seines Wissens habe der bekannte Patient dort inzwischen Hausverbot erhalten. Der Funksprecher antwortete, er werde sich erkundigen. Die Mühlen unserer Ordnung mahlen unbeirrbar.
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