22.12.2009

Der Professor

Autor: Joachim Elschner-Sedivy

Im Dachgeschoss eines Alten- und Pflegeheims für katholische Ordensfrauen hatte ein berühmter, emeritierter Theologieprofessor seine Ruhestandswohnung. Der siebente und oberste Stock war nur mittels eines Liftes zu erreichen, der so klein war, dass unser Tragestuhl nicht hineinpasste. Ich pilgerte deshalb zu Fuß zu der Koryphäe des Faches hinauf, das ich selber studiert hatte. Der Name meines Patienten war mir deshalb wohl bekannt. Mein Kollege sagte, die Berühmtheit seiner Patienten interessiere ihn überhaupt nicht. Daraus sprach keine aggressive Abwehr gegen die Selbstgefälligkeit der Bedeutsamen, es war einfach eine echte, tiefe Unberührtheit, die ich mehr um ihrer selbst, weniger um des Professors willen bedauerte.

Die Tür mit dem Namensschild des Gelehrten stand offen. Sie ließ sich aber nicht ganz öffnen, da stieß sie schon auf eine Wand mit Büchern bis zur Decke. Sie führte in nichts als einen schmalen Gang nach links, der auf eine ebenso schmale Dachterrasse hinausführte, die um das zurückgesetzte oberste Geschoss herum lief und einen weiten Blick über Schwabing bot. Von dieser Terrasse aus führte nach zehn Metern eine Glastür erst in die eigentliche Wohnung. Der ganze Weg war gerade breit genug für den Tragestuhl, den ich hinter mir her zog. Eine würdevolle Dame empfing uns. Sie wurde von einer lebhaften Frau, die uns bereits im Treppenhaus begegnet war und die offensichtlich als Haushälterin des Professors amtierte, in breitem osteuropäischem Akzent mindestens drei Mal pro Minute als „Frau Professor“ angesprochen, ein Titel, der mich verwunderte, da ich mir weder vorstellen konnte, dass die Mitbewohnerin des berühmten Mannes selbst Professorin war, noch dass sie verheiratet waren, denn der bedeutende Theologe war katholischer Priester. Unübersehbar spielte jedoch die würdige Dame im Leben des Gelehrten eine wichtige Rolle. Vielleicht war sie offiziell seine Haushälterin, doch in demselben Maße, in dem sie über diese Funktion unverkennbar hinausragte, machte die andere Frau, die offensichtlich die wirkliche, tatsächliche und praktische Haushälterin darstellte, ungleich mehr Aufsehen um die Bedeutsamkeit ihres Dienstherren. Sie redete und geschäftelte unentwegt, laut und hektisch. Sie war, mit einem Wort, eine schreckliche Nervensäge. Ich versuchte erfolglos, mir vorzustellen, wie der in sich gekehrte Gelehrte es mit ihr aushielt, sofern nicht die Andere einen mildernden Puffer zwischen ihnen bildete.

Die Osteuropäerin zerrte mich mit vorgeblicher Verstohlenheit ins Wohnzimmer, um mir die Fotografien zu zeigen, auf denen der Professor Seit an Seite mit lauter anderen wichtigen Persönlichkeiten abgebildet war. Ich nickte müde und sagte nur, ich wisse schon, dass er sehr wichtig sei. Am stillsten war der Wichtige selbst. Er redete fast gar nichts. Der kleine, dürre, vertrocknete, neunzigjährige Mann lag mit seinen großen, ängstlichen Augen im Bett und kam über ein leises Ja oder Nein nie hinaus. Magen-Darm-Grippe mochte er gehabt haben. Doch das schien mir kaum der einzige Grund zu sein, warum er so überaus hilflos und verloren wirkte. Von meinem ungerührten Kollegen musste ich nicht befürchten, er werde dem Professor erzählen, dass ich einmal an seiner Fakultät studiert hatte. Von dieser Seite her betrachtet war mir seine Indolenz nur allzu recht. Ich selbst hätte mein Vorleben niemals verraten, am allerwenigsten vor dieser Haushälterin. Vor dem Sanitäter sind alle gleich, dachte ich zufrieden.

Im Schwabinger Krankenhaus kümmerte sich niemand. Verlassen lag der eingeschrumpfte Greis in einem großen, kahlen, unfreundlichen Zimmer der Aufnahmestation. Nachdem kein Personal sich sehen ließ, gingen wir und desinfizierten vor der Einfahrt der Notaufnahme unseren Tragestuhl. Erst als wir schon abfahren wollten, kam ein Arzt herausgelaufen und rief etwas ungehalten, ob wir den Professor gebracht hätten und ob er vielleicht eine Übergabe bekommen könnte. Ich blickte nur meinen Kollegen an. Ich war froh, dass er, der geduldige Ungerührte, an diesem Tag als Beifahrer für die Übergabe zuständig war. Ich selbst hätte womöglich eine bissige Bemerkung nicht unterdrücken können darüber, dass sich die Halbgötter in Weiß um ihre Hilfesuchenden so wenig kümmerten. Wer weiß, ob gerade einem neunzigjährigen Theologieprofessor die bloße Fürsorglichkeit des himmlischen Gottes ausreicht.

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