01.01.1970

Von einem, dem die gesiebte Luft weg blieb

Autor: Joachim Elschner-Sedivy

"Was ist denn passiert?" frage ich den Beamten, der uns in der Haftanstalt des Polizeipräsidiums zu unserem Patienten begleitet.
- "Er ist vorhin in seiner Zelle zusammengebrochen, war einige Minuten lang nicht ansprechbar und hat gekrampft. Er war erst knapp eine Stunde zuvor hier arretiert worden, nachdem er bei einem Einbruchdiebstahl auf frischer Tat ertappt wurde. Er hat eindeutig Alkohol getrunken und dazu vermutlich noch verschiedene andere Drogen genommen."
- "Wer hat ihm Erste Hilfe geleistet?"
- "Ein Kollege hat ihn auf den Bauch gelegt, nachdem etwas aus dem Mund kam. Wir haben uns schließlich erinnert, dass man stabile Seitenlage machen soll, wenn einer - ja, wann eigentlich? - naja, wenn es einem irgendwie nicht gut geht. Aber von solchen Krämpfen und was man da macht, darüber ist uns in der Ausbildung, glaube ich, nie was gesagt worden. Jedenfalls konnte sich keiner von uns daran erinnern. Tagsüber ist immer eine Verwaltungsangestellte bei uns im Büro, die kennt sich mit Erster Hilfe aus und geht immer auf die Kurse. Die war aber heute schon weg, als es passierte. Da wussten wir nicht so recht."
- "Ich bin nur ein Krankenwagen", sage ich. "Warum wurde kein Rettungswagen alarmiert?"
- "Bis wir uns überlegt hatten, was zu tun ist, war er ja schon wieder ansprechbar. Dann kam jemand auf die Idee, den ärztlichen Bereitschaftsdienst anzurufen. Der kam dann auch recht schnell. Naja, wir haben ihn auch dazu aufgefordert, sich ein bisschen zu beeilen. Und der Taxi-Doktor hat dann den Einweisungsschein für euch ausgestellt."

Schweigend muss ich daran denken, wie uns Sanitätern gegenüber immer so lobend erwähnt wurde, dass alle Polizeibeamten regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse besuchen. Aber ich erinnere mich auch an meine eigene Zeit als Erste-Hilfe-Ausbilder, in der ich unter anderem die Waffenträger des Flughafen-Zolls mehrfach unterrichtet habe. Wenn die Polizeibeamten ihre Pflichtkurse etwa so leidenschaftlich absolvieren wie damals jene Zollbeamten, ist der Lernerfolg natürlich gering. Eine sehr disziplinierte Teilnehmerschaft, aber so mitmachaktiv wie das Foto des Bundespräsidenten an der Wand hinter ihnen. Dabei in meinen Augen fast alle sehr freundliche, sympathische Menschen, so auch hier wieder diese Polizeibeamten in der Haftanstalt. Aber häufig irgendwie träge, wenn es darum geht, auf Ereignisse, die in ihrer Dienstvorschrift nicht ausdrücklich vorgesehen und geregelt sind, flexibel und engagiert zu reagieren. Auch dass angeblich jeder ihrer Streifenwagen schon einen Automatisierten Externen Defibrillator an Bord hat, geht mir durch den Kopf. Während zum selben Zeitpunkt groteskerweise noch kein einziger unserer Krankenwagen über einen solchen verfügt. Es ist eben leichter, Geräte zu kaufen, als Menschen zu schulen. Immerhin macht es der Rettungsdienst umgekehrt.

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