02.04.2010

Kurzer Dienstweg

Autor: Joachim Elschner-Sedivy

Zehnjährige Tochter tobt mit Vater auf dem Sofa herum und renkt sich dabei einen Halswirbel aus, und zwar heftiger, als dies sonst angesichts des harmlosen Bewegungsablaufs üblicherweise geschehen kann. Weil Gleiches zwar nicht der Tochter selbst, aber in ihrer Familie allgemein schon mehrfach passiert ist, weiß der Vater um eine entsprechende Risiko-Disposition seiner Kinder und erkennt das Problem sofort.

Er setzt das Mädchen in sein Auto und fährt es unverzüglich nach Großhadern in die Chirurgische Poliklinik, wo ich gerade meine voraussichtlich letzte Patientin an diesem Tag abgeliefert habe. So werde ich zufällig Zeuge des Gesprächs, in dem die Aufnahmeschwester dem Vater mitteilt, in Großhadern könne man keine Kinder behandeln, er müsse in die nächste Kinderklinik fahren, nämlich in die Haunersche in der Innenstadt. Das Mädchen hatte aber Schmerzen auf der Fahrt. Auf meine Frage nach Taubheitsgefühl in Händen oder Füßen antwortet es uneindeutig. Weiterfahrt also bis in die Innenstadt auf dem Rücksitz in Vaters Auto, ohne Stützkragen? Das kann ich so nicht auf sich beruhen lassen. Ich mische mich ein: "Schreibt mir halt einen Transportschein", sage ich zur Aufnahmeschwester. "Geht nicht", antwortet sie und argumentiert sinngemäß: "Weil Großhadern keine Kinderklinik ist, kann das Mädchen juristisch gar nicht da sein, deshalb kann hier auch kein Chirurg sie untersuchen und folglich auch keine Verlegung in die Haunersche anordnen." - "Sollen wir euch vielleicht einen Rettungswagen rufen?" frage ich mit maliziösem Lächeln. Sie zuckt mit den Schultern, juristisch wäre das der einzig richtige Weg. Ich rufe meine Leitstelle an. Den Disponenten, der ans Telefon geht, kenne ich, mit ihm kann man gut reden. "Können wir das Mädchen rasch in die Haunersche bringen?", frage ich, nachdem ich ihm die Sachlage erklärt habe. "Das liegt auf unserem Heimweg zur Wache." - "Von mir aus", sagt der Disponent, aber das versicherungsrechtliche Risiko nimmt euch keiner ab. Da hat er Recht. Ich lege dem Mädchen einen Stützkragen an und bringe es in meinen Krankenwagen. Der Vater ist überglücklich, er sagt, wir hätten damit viel zu seiner guten Meinung über die Hilfsorganisationen beigetragen. Auf unsere eigene Gefahr.

Text druckenText drucken

Weitere Texte von Joachim Elschner-Sedivy

Titel: Veröffentlicht am:
Von einem, dem die gesiebte Luft weg blieb 28.02.2010
Eine deutliche Sprache 28.02.2010
Trotz allem 28.02.2010
Herr Gewürz 28.02.2010
Die Nummer 22.12.2009
In der Stadtgärnterei 22.12.2009
Die Heimfahrt 22.12.2009
Der Professor 22.12.2009
Stille Gefahr 22.12.2009
Autoren gesucht

Wir sind immer auf der Suche nach neuen Blaulicht-Autoren, die Texte aus ihrem Einsatzalltag auf der Website veröffentlichen möchten.

Besondere schriftstellerische Fähigkeiten sind nicht erforderlich. Was zählt, ist die Lust am Schreiben.

Anmelden könnt ihr euch hier. Wir freuen uns über jedes neue Gesicht.

Neue Texte

24.04.2012

Retter in Not

Christian

13.04.2012

Immer wieder Sonntags?!

Paul

28.02.2012

Mein erstes Horrorszenario

Sarah

Neue Autoren