01.01.1970
Herr Gewürz
Autor: Joachim Elschner-Sedivy
Der Name auf dem Klingelschild war der Name eines Gewürzes. Drei Polizisten warteten auf uns. Nachbarn hätten den Patienten schreien gehört und die Polizei verständigt. Es ist Sonntagabend, das Gesundheitsamt ist nicht besetzt. Nun muss jeder Polizist gegebenenfalls selbst und allein über eine psychiatrische Unterbringung entscheiden, bis entsprechend sachverständige Gutachter und Richter am Montag wieder verfügbar sind.
Die Wohnung des allein lebenden Patienten ist groß, die Einrichtung karg und alles andere als sauber und ordentlich, andererseits aber auch keineswegs so chaotisch durcheinander, zugemüllt und aktiv verdreckt, wie wir dies von gewissen Psychiatriepatienten leider gewohnt sind, sondern lediglich seit langem passiv ungepflegt, also seit Jahren nicht aufgeräumt und nicht geputzt worden. Und sie ist vollkommen abgedunkelt, alle Rollläden sind heruntergelassen, alle schweren Vorhänge zugezogen und zwar sichtlich auch tagsüber, jeden Tag, den ganzen Tag. Ein Leben ohne Sonnenlicht.
Nun aber der Patient: Vollkommen nackt tritt der eher reichlich genährte über siebzigjährige Mann uns entgegen. Ich fordere ihn auf, sich wenigstens mit einer Wolldecke zu bekleiden, die er sich als Rock um den Bauch wickelt, wie er es nach eigener Auskunft gelegentlich zu tun pflegt. Er habe seiner Füße wegen nicht mehr von seinem gewohnten Sitzplatz aufstehen können, auch, weil der Sessel, an dem er sich zu diesem Zweck festzuhalten pflegt, versehentlich nicht genau so gestanden hat, wie es zu diesem Zweck erforderlich ist. "Der Sessel ist nämlich auf dem Parkett bewusst verschiebbar, indem kleine Stoffflecken unter die Sesselbeine gelegt sind. So - sehen Sie? Ist er einmal aufgestanden, so kann er sich in seiner Wohnung frei bewegen. Für den Harndrang hat er aber einen Urineimer. Der Weg zur Toilette ist ihm zu weit. Er redet mit uns im Stehen und geht einigermaßen behänd umher. Weil er nicht mehr aufstehen konnte, hat er gerufen. Aber dann hat er es doch geschafft." - "Ihre Nachbarn haben schon öfter die Polizei geholt", wendet einer der Polizisten ein. "Es ist aber wirklich nicht nötig," beharrt der Mann mit dem Gewürznamen. Und er will auf gar keinen Fall in ein Krankenhaus. Die Polizisten wollen nun von mir wissen, ob das nötig ist. Ich untersuche seine Füße und stelle fest, dass die Füße es nicht unbedingt heute Abend noch erzwingen. Bleibt also die Frage, ob sein psychiatrischer Zustand es erforderlich erscheinen lässt. Ich unterhalte mich nun ausgiebig mit dem Patienten und lauere dabei ständig auf ein Wort, einen Klang seiner Rede, der eine einigermaßen greifbare psychiatrische Diagnose verraten könnte.
Es ist nicht schön, einen Menschen im Gespräch so zu belauern, es kommt mir selber vor wie eine besonders hinterhältige Verhörmethode. Ich erfahre, dass der Patient mit dem Gewürznamen Jude ist. Er muss die Nazizeit als Kind gerade noch bewusst miterlebt und überlebt haben. Was mag ihm damals widerfahren sein? Und nun stehen ungebeten drei Vertreter der neuen Staatsgewalt und zwei ebenfalls uniformierte Sanitäter in seiner Wohnung und überlegen, ob sie ihn notfalls auch gegen seinen Willen mitnehmen müssen. Der Patient antwortet, abgesehen von einiger Exzentrik seines Wesens, doch eindeutig prompt, klar, intelligent und sogar amüsant auf alle meine Fragen. Einmal nähert er sich einem der Polizisten, betrachtet ihn genau und fragt interessiert nach dem Wappen auf dem Hemd des Beamten. Der erklärt ihm, dass es sich um den bayerischen Löwen handelt. Herr Gewürz nickt nachdenklich. Er wirkt durchaus verrückt, aber von einer Verrücktheit, die nicht in sich eingeschlossen ist, sondern die Außenwelt ziemlich scharf wahrnimmt und sich über uns andere auf eine unterschwellige und sanfte Weise belustigt. Die Rollläden sind also sozusagen nur zum Schein geschlossen.
Auf einem Tisch in einer Ecke des Raumes stehen - jetzt erst fällt mir das Kuriosum richtig auf - vier gleichartige Schreibtischlampen nebeneinander. Es ist doch bei genauerem Hinsehen eine ganze Menge Licht um diesen Menschen, denke ich mir, wenn auch ein sehr eigenartiges Licht. Mir selbst wird die staatsgewaltige Situation, in der ich hier auftreten muss, zunehmend unangenehm. Ich rede und rede mit meinem Patienten, um ihn gleichsam als solchen auf frischer Tat zu ertappen, aber ich ertappe ihn nicht. Er antwortet beredsam, klug und schlau. Er ertappt im Gegenteil mich oder vielmehr ertappe ich durch ihn mich selbst dabei - überspitzt gesagt - ein potenzieller "Ver-Gewaltiger" zu sein, einer, der drauf und dran ist, einem anderen Menschen auf sehr subtile Art eine ungerechte Gewalt anzutun: die Freiheitsberaubung eines hoheitlich agierenden Gesundheitssystems und seines polizeibewehrten Behandlungszwangs.
Ich bewege mich auf einem schmalen Grat: Einerseits darf ich keine medizinische Gefahr übersehen, andererseits will ich meinen Patienten durch mein Auftreten keinesfalls an einen jener Gestapo-Männer erinnern, mit denen er als Kind vielleicht noch seine prägenden Begegnungen hatte. In Vorbereitung auf meine noch nicht ganz feststehende Entscheidung, ihn seinem eigenen Willen gemäß zuhause zu lassen, beginne ich ein Notfallprotokoll auszufüllen, in das ich gleich vor Ort noch jede einzelne Beobachtung ausführlich eintrage, um auf diese Weise weitere Zeit für mein Verhör zu gewinnen, das ich nebenher weiterführe. Schmunzelnd steht der undurchsichtige alte Mann auf jede Frage geschickt Rede und Antwort. Ich komme zu dem Schluss, dass eine gewisse Verrücktheit ein Menschenrecht ist. Auf der Rückseite des Notfallprotokolls soll der Patient mit den Polizisten als Zeugen die vorgedruckte Transportverweigerung unterschreiben, nachdem er entsprechend ohne das geringste Versäumnis meinerseits über die damit verbundenen Gefahren aufgeklärt worden ist und bekräftigt, diese Belehrung verstanden zu haben. Die Polizisten sind einverstanden.
Als ich unten an der Haustür wieder an dem Klingelschild vorüber komme, sinne ich kurz über den Gewürznamen nach. In der Tat: Es fehlt nicht an einer gewissen Würze in dem sonderbaren Leben, dem ich eben begegnet bin.
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