22.12.2009

Die Heimfahrt

Autor: Joachim Elschner-Sedivy

Was ganz besonders Interessantes, sagte der Disponent, habe er für uns. Der Auftrag wurde uns als Transport zum Flughafen angekündigt. Der Name des Patienten klang orientalisch. Auf der Krankenhausstation, auf der er abzuholen war, trafen wir nicht weniger als fünf Angehörige des Patienten an. Das Krankenhaus hatte bekanntermaßen immer wieder einmal reiche Scheichs zu Gast, und wir machten uns schon entsprechende Vorstellungen. Aber der Anhang unseres Patienten hatte nichts von den gefürchteten Allüren reicher und mächtiger Orientalen. Die überwiegend jungen Leute wirkten ernst, offen, pragmatisch und schlicht. Als wir mitbekamen, der Flug werde nach Pristina gehen, verblassten alle Träume aus tausendundeiner Nacht. Die kosovarische Familie hatte offenbar alles Gesparte und Geliehene hergegeben, um dem Kranken eine Behandlung in Deutschland zu ermöglichen. Nie waren mir die östlichen Krankenbesuchsgewohnheiten so sympathisch wie hier. Niemand spielte Theater, niemand stand im Weg, jeder half entweder irgendwie oder hielt sich still aber präsent im Hintergrund.

Der professorale Chefarzt stand gewiss kurz vor dem Ruhestand, anderthalb Jahrzehnte älter als sein Patient. Er zeigte in seiner ruhigen Art auffallend großen und herzlichen menschlichen Verstand. Wer etliche Medizinprofessoren kennen gelernt hat, darf das wohl bemerken. Er erschien pünktlich zur vereinbarten Abschiedsvisite und erteilte uns eine kollegiale Übergabe, an der auch die Angehörigen teilnahmen, von denen zwei sehr gut deutsch sprachen. Die Leber war nicht mehr zu retten. Der Kranke werde binnen vier Wochen sterben. Er gebrauchte vor uns allen das schlichte Wort sterben, eine seltene Leistung für einen akademischen Mediziner. Aus einer Hepatitis war eine Leberzirrhose, schließlich ein Lebertumor geworden. Der Zeitpunkt für eine Transplantation war verpasst worden. Die Pfortader war beinahe völlig verschlossen. Die medizinische Versorgungslage in seinem Heimatland verurteilte ihn zu einem Tod, den er in Deutschland so ziemlich sicher nicht hätte sterben müssen.

Dann erst sahen wir ihn. Alle, die ich so gelb gesehen hatte, waren kurz vor dem Ende gestanden. Der Professor hatte ihm ein „Fit-to-fly“-Zertifikat ausgestellt, ein frommer Betrug. Das einzige, was man für ihn noch tun konnte, war, ihm ein letztes Wiedersehen mit seiner Heimat zu ermöglichen. Fünf Tage war er in der deutschen Klinik gelegen, unveränderten Zustands. Alle finanzielle Anstrengung seiner Familie war umsonst gewesen, auch die deutschen Spezialisten konnten ihm nicht mehr helfen. Am Flughafen in Pristina hatte sicher keiner gefragt, ob der Kranke flugtauglich sei. Ihm die Rückreise über einen deutschen Flughafen zu ermöglichen, schien weniger einfach. Vielfach gestaffelte Hürden drohten: Check-In-Mitarbeiter, Kontrolleure am Gate und nicht zuletzt der Pilot noch an der Flugzeugtür konnten ihm wegen seines schwer kranken Aussehens ohne weiteres den Zutritt zur Maschine verwehren. Man musste fast auf den ersten Blick sehen, in welchem Zustand er sich befand, wenn man medizinisch nicht völlig ahnungslos und blind war. Wir hofften, dass man es am Flughafen sein würde und keine Zeit für einen Blick hätte.

Sein jüngerer Bruder übersetzte dem Kranken, der selber kein Deutsch verstand, unsere Erklärung, dass er zur Kontrolle aus dem Rollstuhl aufstehen und ohne fremde Hilfe auf eigenen Füßen durch das Kontrollgerät gehen müsse, sonst werde er keinesfalls ins Flugzeug gelassen werden. Wir Sanitäter mussten am Eingang des Gates zurückbleiben, weil wir über keinen entsprechenden Berechtigungsausweis verfügten, da half auch keine vertrauliche Nachfrage bei Flughafenangestellten oder Zollbeamten, kein kollegiales Beiseitenehmen unter Uniformierten, wie es die Menschen vom Balkan sich ganz leicht und selbstverständlich vorstellten. Ein deutscher Flughafen kannte keine lockeren Ausnahmen von seinen Regeln. Vom Gate an würde nur noch sein Bruder bei dem Todkranken sein und ihn begleiten, die helfende Hand des deutschen Gesundheitswesens hörte für ihn hier auf.

Wir waren innerlich unruhig gespannt und versuchten, so gelassen zu wirken, wie man es von Sanitätern jederzeit erwartet, um keinen Argwohn zu erregen, sondern den Eindruck zu erwecken, als gehe alles seinen völlig geregelten Weg. Unser Patient schaffte es tatsächlich, aufzustehen und durch das Kontrollgerät zu gehen, ohne als übermäßig geschwächt aufzufallen. Es kam uns fast wie ein Wunder vor, welche Kraft er aufbrachte, um sein letztes Ziel zu erreichen, denn er war wirklich in äußerst schlechter Verfassung. Der Rollstuhl durfte hinein geschoben werden, der Schwankende wieder darin Platz nehmen; ein letztes dankendes Zurückwinken des Bruders in unsere Richtung, dann verschwanden die beiden drinnen aus dem Blick. Auch wenn dies zweifellos die größte Hürde gewesen war, ob sie es bis in die Maschine schafften, würden wir wohl nie erfahren.

Auf der Heimfahrt spürte ich, dass mir ausgerechnet das, was wir bei diesem Einsatz geleistet hatten, insgeheim viel sinnvoller vorkam als manches, was nach den Grundsätzen unserer Tätigkeit offiziell als weitaus sinnvoller definiert war. Wir hatten einem Menschen durch erhebliche Schwierigkeiten hindurch und gegen erhebliche Widerstände das Erreichen seines letzten Ziels ermöglicht, obwohl dieses Ziel in diesem Fall nicht mehr die medizinische Behandlung und Heilung gewesen war, zu deren Zweck unsere Stellen eigentlich existierten. Manche alltägliche Ambulanzfahrt zur hundertsten fachärztlichen Bestätigung der Diagnose, dass ein Mensch einfach alt war, schien mir am Ende dieser Schicht seltsamerweise weitaus sinnloser als das, was an diesem Tag trauriger Inhalt und Erfolg unserer Tätigkeit gewesen war.

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