01.01.1970
Eine deutliche Sprache
Autor: Joachim Elschner-Sedivy
Ins Seniorenzentrum als Abholadresse ging die Fahrt, aber nicht in einem Bewohnerzimmer sollten wir erscheinen, sondern im dortigen Büro uns melden. Natürlich waren wir zunächst verwirrt, als wir dort keine alte, sondern eine recht junge Frau antrafen. Die Verwaltung der uns wohl bekannten Einrichtung bot nämlich auch gezielt Beschäftigungsmöglichkeiten zwecks Wiedereingliederung ins Erwerbsleben in besonders schwierigen Fällen an. Die junge Frau hielt sich schon seit dem Morgen in dem Büroraum auf. Inzwischen war es später Nachmittag. Die Patientin wurde von den drei anwesenden älteren Mitarbeiterinnen liebevoll umsorgt. Derzeit arbeitete sie selbst dort nicht mehr, denn sie nahm an einer längeren stationären therapeutischen Maßnahme außerhalb Münchens zwecks Drogenentzug teil, oder genauer gesagt, sie hatte bis gestern an einer solchen teilgenommen. Dann war sie plötzlich von der weiteren Teilnahme ausgeschlossen worden, war nach München zurückgefahren und hatte voll Verzweiflung Kontakt zu ihren freundlichen Arbeitskolleginnen gesucht, von denen sie aber befürchten musste, dass aus diesen nun ein für allemal ehemalige Arbeitskolleginnen werden würden, da auch der solidarische Arbeitgeber sie nach Abbruch ihrer Entzugstherapie möglicherweise nicht mehr weiter beschäftigen würde.
Die stille junge Patientin wirkte sehr bedrückt, ansonsten aber unauffällig, sympathisch und intelligent. Allerdings schien ihr empfindsamer und melancholischer Charakter mir einer schwer suchtkranken Persönlichkeit keineswegs zu widersprechen. Sie schilderte glaubhaft, dass die Leiter der Entzugsmaßnahme ihr völlig unzureichende und trügerische Indizien für einen vermeintlichen erneuten Drogenkonsum während der Therapie böswillig angelastet hätten, um ihr mit dieser Begründung aus persönlicher Abneigung das Teilnahmerecht aufkündigen zu können. Solche Fälle von Willkür seitens der Therapeuten seien aus der betreffenden Einrichtung schon mehrmals berichtet worden. Ich fand keinen speziellen Anlass, ihre Aussage zu bezweifeln, wusste allerdings aus Erfahrung, dass gerade suchtkranke Menschen in ihren Behauptungen oft von überwältigender Überzeugungskraft sein können, obwohl diese trotzdem unrichtig sind. So hielt ich mich mit einer eigenen Meinungsbildung nicht direkt misstrauisch, wohl aber behutsam zurück.
Im Laufe ihrer wohlwollenden Beratungen, was mit der unerwartet bei ihnen aufgetauchten jungen Kollegin weiter anzufangen sei, hatten die hilfsbereiten Mitarbeiterinnen des Seniorenzentrums im Laufe des Tages schließlich den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu sich bestellt, und dieser hatte die Patientin zur Entgiftung ins Schwabinger Krankenhaus eingewiesen, da sie zugab, aus Verzweiflung wieder Drogen eingenommen zu haben - allerdings, wie sie steif und fest beteuerte, erst nach dem Scheitern ihrer Therapie, nicht schon während dieser. Die bösen Therapeuten, so ließ sie durchblicken, waren also an der ganzen Misere schuld. Im Gegensatz zu vielen Drogenabhängigen, denen ich begegnete, sprach sie diesen typischen weltanklagenden Standpunkt allerdings nicht ausdrücklich aus, sondern schien zumindest über genügend Selbstkritik zu verfügen, um zu erkennen, dass eine derartige Äußerung in meinen Ohren keinen günstigen Klang hätte haben können.
Sie wirkte sehr aufrichtig, wenn sie all ihren Willen inzwischen darauf zu richten erklärte, von den Drogen loszukommen und endlich ein normales Leben führen zu können. Im Schwabinger Krankenhaus hatte ein internistischer Aufnahmearzt Dienst, den ich sehr schätze, ein kleiner, aber drahtiger älterer Mann mit niederländischem Namen und außerordentlichem, menschlichem, sozialem und psychologischem Geschick. Er ließ sich trotz des wie üblich starken Betriebs in seiner Notaufnahme den Sachverhalt in Ruhe von mir schildern und hörte mir genau zu. Die Patientin hatte ich zunächst noch im Fahrzeug zurückgelassen, da mir von Anfang an klar war, dass die Schwabinger Notaufnahme unmöglich unser endgültiges Transportziel sein konnte. Da ich aber auf dem Einweisungszettel las, dass der einweisende Arzt bereits mit jenem Mann telefoniert hatte, mit dem ich nun sprach, war ich mir sicher, auf dem Weg über Schwabing dennoch am weitesten zu kommen, denn ich hatte größtes Vertrauen, dass der von mir so geschätzte Arzt eine gute Lösung finden würde. Er kam tatsächlich sofort mit mir zu unserem Fahrzeug und setzte sich hinten zur Patientin. Zufrieden schob ich von außen die Seitentür hinter ihm zu; ich wusste, dieses Gespräch würde ein sinnvolles Ergebnis haben.
Als der Arzt wieder heraus kam, nahm er mich beiseite und sagte: Es gibt keine Therapie, egal wo. Sie hat abgebrochen, egal wessen Schuld es war. Sie fährt jetzt nach Hause und meldet sich zum nächstmöglichen Termin bei ihrem niedergelassenen Therapeuten. Das ist der Weg, es gibt keinen anderen, und das habe ich ihr auch so gesagt. Ich war ein wenig enttäuscht, weil es mir für die junge Frau leid tat, aber auch beeindruckt von der hilfreichen, mutigen Klarheit und Geradheit des Arztes, der Menschlichkeit mit einem kühlen Kopf auf das vorbildlichste verband. Ich nickte und sagte, dann bräuchte ich bloß einen neuen Transportschein. Er zog die Fahrzeugtür wieder auf und fragte die geknickte Patientin: "Wo wohnen Sie?" Sie müsse jetzt bei einem Freund unterkommen, sagte sie und nannte die Adresse. Er sagte: "Da fahren Sie hin," und stellte mir einen Transportschein aus.
Dort angekommen, läutete sie nervös, und ich begleitete sie noch, als erst nach einer ganzen Weile die Tür des Mietshauses aufgegangen war, die Treppe hinauf in den ersten Stock. Im ängstlich schmal geöffneten Türspalt einer stockdunklen Wohnung erschien in Unterhemd und Unterhose ein nicht bloß schlaftrunkener und offenbar gerade aus dem Schlaf gerissener, sondern auch elend aussehender, bis auf die Knochen abgemagerter und vor Drogenentzug grotesk zitternder junger Mann, der die junge Frau mit jenem typisch überlauten, verlangsamten und seltsam flehentlichen Tonfall der Suchtkranken ansprach, den ich bis zum Überdruss kannte: Sie solle nicht erschrecken, die Wohnung sei nicht aufgeräumt. Das Mädchen brach hier in Tränen aus und betrat im Arm ihres Freundes das trostlose Apartment. Dieses Bild gab mir den Rest. Ich wünschte alles Gute und wandte mich zum Gehen. Wir hatten eine junge Frau aus einem Seniorenzentrum abgeholt. Nur ein amüsantes Kuriosum? Nein, wieder einmal fast so etwas wie ein merkwürdiges Symbol für eine Situation: Das Leben mancher Menschen wird sehr früh sehr alt, und manchmal auch dann, wenn ihr Körper dabei noch für eine Weile einigermaßen jung aussieht.
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