22.12.2009

Die Nummer

Autor: Joachim Elschner-Sedivy

Wir fuhren in ein besseres Viertel in der Nähe des Nymphenburger Schlosses, Verdacht auf Schlaganfall. Wenn ein Haus- oder Bereitschaftsarzt vor Ort eine entsprechende Einweisung verschreibt, kommt trotz dieses Notfallverdachts in München bekanntlich erst einmal ein Kranken-, kein Rettungswagen. Sicherheit vor Schnelligkeit, fügte der Funksprecher dem Auftrag hinzu, gab uns aber nicht ausdrücklich den Gebrauch des Sondersignals frei.

Die verschneiten Straßen waren eisglatt, aber wir kamen rasch hin. Wir mussten uns durch drei verschneite Hintergärten der unter gleicher Nummer Wand an Wand gebauten Einfamilienhäuser wühlen, um an den nicht leicht auffindbaren rückwärts gelegenen Eingang „d“ zu gelangen. Tochter und Gehilfin des Hauses empfingen uns. Man hatte uns einen osteuropäisch klingenden Namen genannt, der Tochter war ein leichter Akzent anzuhören. Im großen, salonartigen Eingangszimmer führte eine frei schwebende Treppe gerade nach oben. Eine hagere alte Dame lag blass, mit geschlossenen Augen und fast reglos im Bett, sie reagierte nicht gezielt auf Ansprache und Berührung. Die Tochter beurteilte den Unterschied zum Normalzustand auf meine Frage hin als groß. Der Puls der etwa Fünfundachtzigjährigen war schnell, ihre Haut verriet Austrocknung. Ob sie Fieber hatte, war bislang nicht gemessen worden. Von Zeit zu Zeit schrie sie auf, aber der Zusammenhang und auch ihre Bewegungen ließen auf keinen örtlich bestimmbaren Schmerz schließen. Höchstens konnte man wahrnehmen, dass sie mit vagen Gebärden auf ihre Leistengegend hindeutete. Sie schien zu phantasieren und Angst zu haben. Wir entschieden uns für schnellen Transport. Beim Raustragen spuckte die Kranke klaren, wässrigen Schleim. Ich fuhr mit Sondersignal, die Tochter saß verschlossen auf dem Beifahrersitz.

In der Notaufnahme bekamen wir sofort den Schockraum. Der Internist ließ freilich eine Weile auf sich warten, zweimal telefonierte die Aufnahmeschwester nach ihm, bis er kam. Er war ein ruhiger junger Mann, der mit der Zügigkeit entspannter Konzentration daran ging, das schon bereitgelegte Medikament zu spritzen, das den Herzschlag der Patientin bremsen sollte. Als er den Stauschlauch angelegt hatte und die Nadel ansetzte, sagte er fast beiläufig: „Das habe ich noch nie gesehen.“ Indem ich einige Augenblicke brauchte, um zu begreifen, wovon er sprach, erkannte ich dann umso plötzlicher, was mir schon in der Wohnung flüchtig aufgefallen, aber in der Eile und Anspannung der Arbeit nicht wirklich zu Bewusstsein gekommen war: eine deutliche längliche Spur mehrerer musterartig angeordneter schwarzer Flecken unterhalb des linken Ellenbogens der leidenden alten Frau. Es war die Häftlingsnummer eines Konzentrationslagers. Der Monitor zeigte eine Entspannung ihres Pulses. Ich ging raus, um unsere Trage frisch zu beziehen.

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