01.01.1970
Der Neubau
Autor: Gerrit Hosenfeld
„Es ist doch immer dasselbe, wenn ich mal mein Mittagessen in der Karre habe, dann bricht das gesamte Gesundheitssystem der Stadt plötzlich zusammen!“, fluchte mein Kollege als die Einsatzmeldung durchgegeben wurde. Ein Baustellenunfall ohne nähere Angaben. Keine besondere Dramatik in der Stimme des Disponenten, eine lockere Sache. Was kann schon Ungewöhnliches passieren auf einer Baustelle? Schnittverletzung oder eine Quetschung vielleicht? Immerhin, ein Notfall. Mein Kollege schaltete die Signalanlage ein und wir begaben uns in das übliche Chaos des Straßenverkehrs.
Es ist immer wieder unglaublich, wie erwachsene Menschen reagieren, wenn hinter ihnen ein Fahrzeug mit Blaulicht auftaucht. Da gibt es zunächst den Kamikaze-Fahrer, welcher sofort und ohne jede Verzögerung die Strasse räumt, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne an materielle Schäden oder andere Bürger zu denken. Zack! Lenkrad einschlagen und auf den Bordstein, egal wie hoch er auch sein mag, egal, ob dort gerade ein Fußgänger läuft oder nicht! Platz machen ist die Devise! Dann ist da der umsichtige Fahrer, der anders als sein Vorgänger zunächst nur zum Nachdenken angeregt wird, sich fragt, wie das doch damals war in der Fahrschule. Was muss ich doch gleich tun, wenn hinter mir ein Fahrzeug mit Blaulicht fährt? Ach ja, anhalten, richtig – und das sofort und im besten Fall neben einer Verkehrsinsel oder in einer Kurve. Letztlich bleibt noch der unschlüssige Fahrer zu bemerken. Dieser hat seine Zeit in der Fahrschule scheinbar ganz vergessen oder beherrscht es zumindest, diesen Lebensabschnitt komplett zu ignorieren. Er sieht ständig in den Rückspiegel und fühlt sich durch den Lärm des Martinshornes offensichtlich gestört. Sauer über diese Belästigung, beginnt er mit seinem Fahrmanöver, welches in gewissem Maße an Selbstjustiz erinnert. Er lässt uns nicht vorbei, fühlt sich für die momentane Situation nicht verantwortlich. Kommt aber trotzdem der passende Moment für uns, ihn zu überholen, gibt auch er nun kräftig Gas. Wer weiß, wie laut dieser Lärm ist, wenn wir plötzlich vor ihm wären?
Nun gut. Etwa fünf Minuten nach unserer Alarmierung treffen wir an der Einsatzstelle ein. Der Rohbau eines neuen Altenheimes, mitten in der Stadt. Gerade beim Aussteigen bekommen wir noch mit, dass auch die Feuerwehr zu unserer Einsatzstelle geschickt wird. Feuerwehr? Was soll das denn? Brennt es hier irgendwo?
Ein Bauarbeiter nimmt uns in Empfang und gibt uns einen ersten Lagebericht. Eine Decke aus Flüssigbeton sei eingestürzt, ein Kollege habe genau in diesem Moment ein Stockwerk tiefer gestanden und die Decke sei über ihm heruntergestürzt. Bewusstlos!
Schnell erhöhte sich mein Pulsschlag, unsere komplette Ausrüstung dabei, eilten wir nun zu einem Baugerüst, welches den einzigen Zugang zur Unfallstelle darstellte. Prima, dachte ich mir, wie sollten wir denn hier jemanden runter bekommen? Nach einer Kletterpartie endlich angekommen, zeigte sich das Ausmaß des Deckeneinsturzes. Eine Fläche von etwa hundert Quadratmetern war bis auf einen halben Meter Höhe voll mit flüssigem Beton. In der Mitte kniete ein Bauarbeiter und hielt den Kopf des verunfallten Kollegen fast krampfhaft über der Betonoberfläche. Ohne zu zögern begaben wir uns in das Betonmeer um den Mann zu retten. Aber warum hatten die Anwesenden ihn nicht längst aus dem Betonbett gezogen? Meine Frage beantwortete sich von selbst. Der Mann war von einem Balken getroffen worden, der nun sein Bein einklemmte und dieser Umstand machte es fast unmöglich, ihn zu befreien. Ich übernahm die Sicherung der Atemwege, kniete mich oberhalb des Mannes hin und versank bis zum Gürtelansatz im flüssigen Beton. Seinen Kopf hielt ich gerade so hoch, dass sein Gesicht frei war und fixierte ihn in meiner Ellenbeuge. Mit der anderen Hand überstreckte ich seinen Kopf, um seine Atemwege freizumachen. Mein Kollege stand über uns und versuchte ihn nun mit dem Beutel seitenverkehrt zu beatmen. Die Feuerwehr traf ein und begann sofort damit, den Balken zu entfernen, was nur sehr schwer möglich war. Mit der puren Muskelkraft unzähliger Feuerwehrmänner und Bauarbeitern gelang es aber schließlich, den Balken einige Zentimeter anzuheben. Wir zogen den Mann aus dem Beton und trugen ihn schnell zu einer einsturzsicheren Stelle. Zusammen mit dem eingetroffenen Notarzt begannen wir sofort die Reanimation. Chancenlos - wie sich nach einer halben Stunde herausstellte. Der Mann hatte einige Minuten unter dem Flüssigbeton gelegen, bevor seine Kollegen ihn entdeckt hatten. Seine Lungen waren voll Beton gelaufen, was zu seinem Erstickungstod geführt hatte. Wir konnten ihm nicht mehr helfen.
Ich stellte mir die Sekunden des Unfalls vor und bekam ein dumpfes Gefühl in der Magengrube. Was für ein schrecklicher Tod es gewesen sein musste! Sofort verdrängte ich den Gedanken wieder, nur nicht zu nah an mich ranlassen, dachte ich mir. Die Fahrt zur Rettungswache kam mir länger vor als sonst. Die Bilder der eingestürzten Decke, die Gesichter der anderen Bauarbeiter und meine eigene Hilflosigkeit im Beton ließen mich nicht mehr los. In unserer Wache angekommen, begannen wir wortlos mit der Reinigung unseres RTW. Ich wollte etwas sagen, doch irgendwie blieben mir die Worte im Halse stecken. Kurz vor Feierabend sah ich noch meinen Kollegen, als er die Tüte mit seinem Mittagessen in die Mülltonne warf. Er hatte es nicht angerührt, hatte stattdessen ein paar Zigaretten geraucht.
„Schöne Scheiße!“ sagte er noch, sah mich einige Sekunden an und verabschiedete sich mit einem Handschlag von mir. Ich fuhr nach Hause, um mit meiner Frau etwas fernzusehen, sie einfach im Arm zu halten. Die Bilder des Einsatzes aber flimmerten ständig vor meinem geistigen Auge auf.
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