16.03.2010

Kopfschuss

Autor: Gerrit Hosenfeld

Um 03:16 Uhr riss mich der schrille Ton des Notfallmelders aus dem Schlaf. Zur Unterstützung des Notarztwagens in ein nahe gelegenes Wohngebiet, lautete die Notfallmeldung, unter der weder ich noch mein Kollege uns etwas vorstellen konnten.

Eine Minute später saßen wir, noch etwas benommen und ziemlich wortkarg, in unserem Rettungswagen und rasten durch die dunklen Straßen unserer kleinen Stadt. Einsätze mitten in der Nacht sind immer sehr belastend, gehen an die Substanz, gehören aber zum Geschäft des rettungsdienstlichen Alltags.

Zur Unterstützung des Notarztwagens, viel mehr hatte der Leitstellendisponent der Feuerwehr uns bei der Alarmierung nicht gesagt. Wir sollten das Blaulicht kurz vor Erreichen der Einsatzstelle besser ausschalten, erwähnte er noch. Das war nichts Ungewöhnliches, schließlich war es mitten in der Nacht und wir fuhren in ein Wohngebiet, in dem Menschen schliefen, die am nächsten Tag zur Arbeit mussten oder einfach mal ausschlafen wollten.

Mit dieser Ungewissheit erreichten wir einige Minuten später unser Ziel. Neben dem Notarztwagen standen mehrere Streifenwagen der Polizei, eine sichtlich aufgebrachte Menschenmenge gestikulierte wild umher, und unzählige Polizisten versuchten offensichtlich, die Menge zu beruhigen.

Wegen der vielen Menschen erreichten wir nur schwer den Eingang des Hauses, in das wir letztendlich gelangen mussten, um endlich Klarheit über unsere Einsatzlage zu bekommen. Die Tür zum Haus stand offen und einige Polizisten empfingen uns wortlos, deuteten lediglich mit einigen Handbewegungen nach oben.

Schon während ich die Treppe zum ersten Obergeschoss nach oben eilte, hörte ich einige mir bekannte Stimmen, welche aufgeregt, aber dennoch ruhig redeten und im typischen Rhythmus zählten. Ganz klar, diese Art von Kommunikation war mir bekannt, hier wurde eine Reanimation durchgeführt, … . Aber wozu brauchten die Kollegen dabei unsere Unterstützung?

Mein erster Blick fiel auf unser NAWNotarztwagen-Team, welches neben einem jungen Mann kniete und versuchte, diesen wiederzubeleben. Sein seitlicher Schädel wirkte wie eine einzige Wunde und Blut lief aus seinem Mund, in dem schon der Intubationstubus steckte. Polizisten liefen durch die Wohnung, suchten nach irgendetwas oder nach irgendwem?

Als ich den Raum betrat, erblickte ich plötzlich den Grund des hohen Polizeiaufgebotes. In einer Ecke des Zimmers, nur einige Meter entfernt der laufenden Reanimation, lag eine weitere Person auf dem Boden. Es handelte sich um eine junge Frau, welche anscheinend Opfer einer Gewalttat geworden war. Sie lag in einer Blutlache, eine stark blutenden Wunde am Hinterkopf, die Augen weit aufgerissen, aber regungslos. Dem Szenario nach zu urteilen, hatte man sie durch einen Kopfschuss getötet oder aus unserer Sicht wohl eher hingerichtet. Schlagartig wurde mir klar, was hier passiert war, ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken und ein unwohl flaues Gefühl legte sich in meine Magengrube. Am liebsten wäre ich einfach wieder gegangen, hätte mich in Luft aufgelöst oder wäre gar nicht erst hier gewesen. Ich musste bleiben … der Sicherheit wegen.

Die Polizei rechnete mit Ausschreitungen der aufgebrachten Menschenmenge vor dem Haus, die, wie sich herausstellte, fast ausschließlich aus Familienangehörigen und Freunden der getöteten Frau bestand. Mein Blick streifte durch den Raum, welch tragische Geschichte musste sich hier vor nur kurzer Zeit ereignet haben. Ich überlegte mir, was den jungen Mann wohl dazu gebracht haben könnte, erst seine Frau zu töten und die Waffe dann gegen sich selbst zu richten.

Ohne darauf Einfluss nehmen zu können, wanderte mein Blick immer wieder zur Leiche der jungen Frau. Wie sie da lag, sie schien so jung, kaum zwanzig Jahre alt, schätzte ich. In diesem Alter hat man doch eigentlich die schönsten Jahre des Lebens noch vor sich. Es war so weit, der Mann war noch am Leben und durch den Notarzt stabilisiert worden. Sicher, die Prognosen waren schlecht, aber er lebte und musste nun in das nahe gelegene Krankenhaus gebracht werden.

Unter Polizeischutz verließen wir mit dem Patienten auf der Trage das Haus und verbrachten ihn in den Notarztwagen. Die Stimmung war aufgeheizt, um nichts in der Welt hätten wir auf die anwesenden Polizisten verzichten wollen, nicht auszudenken, was wohl passiert wäre.

Einige Tage später verstarb auch der junge Mann an den Folgen seiner schweren Verletzungen, den Folgen seiner eigenen Tat. Ein Beziehungsdrama wie sich herausstellte. Die junge Frau hatte sich von ihm trennen wollen, was er allerdings nicht akzeptierte. Das tragische Ausmaß dieser Entscheidung war dann das blutige und sehr traurige Ende zweier junger Leben.

Auch heute noch sehe ich oft die Bilder dieser Nacht vor meinem geistigen Auge. Wie ein Film laufen sie immer wieder ab und wiederholen das, was man eigentlich vergessen möchte. Jeder Einsatz, bei dem von häuslicher Gewalt oder Ehestreit die Rede ist, trägt seither den bitteren Beigeschmack dieser traurigen Nacht in sich. Der Anblick der jungen Frau hat sich wohl für immer in meiner Seele eingebrannt.

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Titel: Veröffentlicht am:
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