22.03.2010

Der Hypochonder

Autor: Gerrit Hosenfeld

Die ganze Nacht auf Achse. Nichts für schwache Nerven. Ein Verkehrsunfall, ein klassischer Herzinfarkt und eine Verbrühung standen bisher auf unserem Plan. Nichts Außergewöhnliches, muss auch nicht sein. Ich bin heute Nacht motiviert, will raus auf die Straße, teilhaben am Leben unserer Stadt.

Wir halten an der Dönerbude, erstmal Kraft tanken, dann kann es weitergehen. Hunger ist wohl das Einzige, was mich regelmäßig demotiviert. Mit leerem Magen arbeitet es sich nicht gut. Diese Weisheit ließ schon mein Großvater immer vom Stapel, wenn ich als kleiner Junge morgens ohne Frühstück aus dem Haus wollte. Recht hatte er. Nach einem Dönerteller mit Pommes fühle ich mich jetzt zwar recht voll, bin aber auf jeden Fall pappsatt!

Kaum im Fahrzeug, der nächste Einsatz. Ein älterer Herr mit Verdacht auf Apoplex, was im deutschen Sprachgebrauch soviel heißt wie Schlaganfall. Die Adresse ist mir bestens bekannt, meinem Kollegen auch. Nur der neue Kollege, der als Praktikant auf unserem Bock sitzt, kennt diese Adresse noch nicht. Sein Pech, jetzt ist er reif - Zeit für seinen Einstand.

„Hör mal. Das is‘ deiner! Der nächste Patient ist dir ganz alleine. Wir beide stehen nur neben dir und schauen uns mal an, wie du das machst. Alles klar?“ fragte mein Schichtpartner den Praktikanten. Er nickte und schien offensichtlich erfreut. Mal schauen, wie lange noch.

Kurze Zeit später treffen wir ein. Unser „Frischling“ schnappt sich hoch motiviert den Notfallkoffer und geht uns voran zur Haustüre. Er klingelt, schaut uns nochmals kurz an und dreht sich dann erwartungsvoll wieder um. Die Türe öffnet sich und ein Herr mittleren Alters steht unserem Praktikanten gegenüber, mustert ihn und bittet uns alle herein.

Die Wohnung ist nicht gerade aufgeräumt. Wir wissen das, waren wir schließlich schon oft in dieser Wohnung zugange. Unser Neuer aber kann es nicht wissen. Er folgt unserem Patienten in sein Wohnzimmer und kniet sich neben der Couch hin, auf die sich sein Patient nun gesetzt hat.

„Wie können wir Ihnen denn helfen?“, fragt er ihn und lauscht dann gebannt den Worten des Hypochonders, wie er bei uns mittlerweile genannt wird. Aber auch das kann unser Neuer nicht wissen, woher auch?

Sein Patient schildert ihm seine momentan akuten Beschwerden bis ins Detail. Er habe schon immer einen sehr hohen Blutdruck, leide seit Tagen unter Kopfschmerzen und fühle sich seit einigen Stunden plötzlich so schwach. Weiter seien sowohl sein linker Arm als auch sein linkes Bein mit einem Taubheitsgefühl und einem dauerhaften Kribbeln betroffen.

Unser junger Kollege beginnt mit seinen Maßnahmen. Kreuzgriff, Zungenprobe, Augenbrauen nach oben ziehen. Alles erscheint ihm normal. Auch sein gemessener Blutdruck entspricht dem Normwert und keinesfalls dem vom Patienten angeblich selbst gemessenen Bluthochdruck mit Werten jenseits der 220mmHg. Fragend dreht er sich zu uns um. Die Hilflosigkeit steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben.

„Na? Schon am Ende deines Lateins?“ fragt mein Kollege. „Frag ihn doch mal, ob er auch Schmerzen in der Herzgegend hat oder ob ihm schwindelig ist,“ sage ich.

Prompt schildert der Patient unserem Neuen nun auch seine ständigen Herzbeschwerden, spricht von einer ausgeprägten Tachykardie und chronischen Herzrhythmusstörungen. Er legt ihm ein EKG an, welches zu seiner Überraschung einen ganz normalen Herzschlag bescheinigt.

Wir wollen ihn nicht weiter auf die Folter spannen und deuten auf eine Regalwand im Flur. Dort steht neben einer beeindruckenden Videosammlung diverser Krankheitsbilder und klinischer Reportagen auch eine Vielzahl von medizinischen Fachbüchern. Unser Frischling betrachtet sich kurz ein aufgeschlagenes Buch, welches bis ins Detail alle Symptome des Schlaganfalls beschreibt. Nun sehen wir geradezu, wie auch ihm endlich ein Licht aufgeht. Etwas unsicher blickt er zu uns herüber, während ich beginne, mit unserem Dauerpatienten zu reden und diesem erkläre, dass er sich keine Sorgen machen müsse, da alles in bester Ordnung sei, wie immer. Erleichtert steht unser Patient daraufhin auf und bedankt sich bei uns für unsere Mühe. Er habe wirklich Angst gehabt einem akuten Schlaganfall zum Opfer gefallen zu sein.

Wir schreiben unser Protokoll, hinterlassen ihm seine Durchschrift und weisen ihn darauf hin, dass er am nächsten Tag gerne noch mal seinen Hausarzt aufsuchen könne, um auch hundertprozentige Gewissheit zu erlangen. Dankend nimmt er unseren Ratschlag an und begleitet uns zur Tür.

Am Rettungswagen angekommen, klären wir unseren Praktikanten auf, erklären ihm, dass bei diesem Patienten ein eher sozialpsychologisches Problem vorhanden sei und wir ihn schon seit mehreren Jahren in regelmäßigen Abständen besuchen würden.

„Hast Du eigentlich irgendwo ein Blutdruckmessgerät gesehen?“ fragt mein Kollege ihn noch und muss anfangen zu lachen.

Spaß muss sein! Trotzdem weisen wir ihn letztlich noch darauf hin, dass unter ca. hundert Notrufen des alten Mannes irgendwann auch einmal ein wirklicher Notfall auftreten könnte und man ihn deshalb jedes Mal routinemäßig untersuchen müsse.

Erleichtert, aber dennoch etwas beschämt, legt sich nun ein Schmunzeln auf das Gesicht unseres neuen Kollegen. In diesem Moment wird ihm wohl klar, dass er soeben seine Feuertaufe hinter sich gebracht hat und nun zum Team gehört. Wir packen unsere sieben Sachen in den RTWRettungs-Transportwagen und begeben uns wieder in das Nachtleben unserer Stadt.

Ein Blutdruckmessgerät? Nein, ein Blutdruckmessgerät hat und hatte unser Dauerpatient eigentlich noch nie, aber woher sollte unser junger Freund das schon wissen?

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Titel: Veröffentlicht am:
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