06.10.2010
Und es geht weiter
Autor: Felix Meier
Dienstag morgen, Herbstwetter, eigentlich viel zu früh zum Arbeiten. Naja, was will man machen, den Menschen will schließlich geholfen werden.
Diese Woche hat es mich „erwischt“: Ich habe Frühdienst-Woche, das heißt, ich besetzte mit meinem Kollegen einen der beiden KTWs von 06:00 Uhr Morgens an.
Kurz nachdem wir das Auto gecheckt haben, klingelt auch schon das wundervolle Ding an meinem Gürtel. Offiziell DME genannt, umgangssprachlich Piepser - der Unheilbringer, der die schönste Kaffeerunde am Morgen, die beste Unterhaltung oder einfach die Ruhe durchbricht und uns zur Arbeit ruft. Diese Mal überrascht er uns mit der Nachricht, dass für uns eine Einweisung vorliegt. Besonderheit dieses Mal, die gute Patientin ist hochschwanger und hat vermutlich Wehen.
Zuerst leichte Verwirrung am Morgen, schnelles (oder auch langsames) Rechnen. Moment mal, die ist ja im neunten Monat! Mmmh, lass uns doch mal flott fahren. Nicht, dass die ihr Kind bei uns im Fahrzeug gebärt. Ich meine, wir wären sicherlich nicht überfordert, so hatte ich doch als Rettungsassistent schon eine Geburt hinter mir und meinem Kollegen vertraue ich auch vollends. Aber trotzdem kann man sich Besseres an einem Dienstag morgen vorstellen, besonders in einem KTW ...
Während der Fahrt zum durchgegebenen Einsatzort die üblichen Flacksereien im Rettungsdienst. Kurz vor Eintreffen die Durchsage unserer Leitstelle „Florian XY XX-85-XX, fahrt mal mit Blau weiter, scheint etwas eiliger zu sein. Wenn ihr Hilfe braucht, meldet euch nochmal.“ Also gut, oder besser gesagt nicht gut, Blaulicht und Martinshorn an, die vielen noch verschlafenen Berufspendler aus ihren Träumen gerissen und bei der Patientin eingetroffen.
Die junge Frau, gerade einmal seit ein paar Tagen 19 Jahre alt, war hochschwanger, schon im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft und hatte seit heute morgen um 5 Uhr Schmerzen in unregelmäßigen Abständen. Die Abstände konnte sie nicht genauer definieren, nur dass sie kürzer wurden. Sonst hatte sie bisher keine Komplikationen bei der Schwangerschaft und der errechnete Geburtstermin war auch noch ca. drei Wochen hin.
Also klare Lage: Mit dem Kollegen kurz besprochen, dass es zu lange dauern würde, bis jetzt ein Notarzt eintreffen würde und dieser letztlich auch nichts machen könnte. Also die Patientin, mitsamt ihrem noch minderjährigen Freund und Kindsvater ins Auto verbracht und mit Sondersignal in den Kreißsaal.
Vergessen waren auf der Fahrt ins Krankenhaus all die Scherze auf der Anfahrt über Name der Patienten und deren Wohngegend (nicht gerade die sozial beste ...), wichtig war jetzt nur noch das Wohlergehen der jungen Mutter und ihres Kindes. Von den unterwegs erhobenen Vitalparametern erschien die Patientin gesund, bis auf eine Erkältung auch ohne Vorerkrankungen. Die Abstände der Schmerzen, von mir als Wehen identifiziert, wurden auch immer kürzer, inzwischen lagen sie unregelmäßig bei zwei bis drei Minuten.
Zum Glück wurden wir im Krankenhaus auch gleich rauf in den Kreißsaal geleitet, denn ich hatte während der Fahrt echt schon befürchtet, dass sie das Kind bei uns bekommt. Mutter wohlauf, soweit man das bei Wehen sagen kann, Vater glücklich, Einsatz gut abgearbeitet - könnte man denken.
Leider war dem nicht so: Während wir im Kaffeeraum saßen und eifrig noch das Protokoll zu Ende schrieben, wurden die Hebammen und Ärzte nervös, forderten einen Oberarzt an, fragten nach einem OP und geleiteten den Vater aus dem Raum. Sie konnten bei dem Kind keine Herztöne mehr feststellen. Vermutlich war es im Mutterleib verstorben. Genaueres konnte man noch nicht sagen.
So einfach kann junges Glück sich in eine Tragödie wandeln ...
Uns blieb keine lange Zeit, noch dazu bleiben oder uns nach dem Weiteren zu erkunden. Der nächste Einsatz wartete, der nächste Patient wollte unsere Hilfe. So ist das im Leben, so ist das im Rettungsdienst. Nie lange mit einem aufhalten, immer weiter und dem nächsten helfen. Life is going on!
Abschlussbemerkung
Mir sei am Rande noch eine Anmerkung gestattet: Jeder, der im Rettungsdienst arbeitet, wird es kennen. Die lockeren, flappsigen und ab und zu ausufernden Kommentare nach oder vor einem Einsatz. Sei es zum Patientennamen, Wohngegend oder sonst was. Diese sind sicherlich von keinem böse oder ehrverletzend gemeint, sondern dienen uns, die jeden Tag Elend und Glück nebeneinander sehen, als Ventil und Puffer, um Abstand zu halten.
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| Titel: | Veröffentlicht am: |
|---|---|
| Unklare Meldung | 21.10.2010 |
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