02.12.2011

„Jetzt ‘nen schönen VU ...“

Autor: Andreas

Es war ein schöner Sommertag, dieser Freitag. Irgendwo waren die ersten Schulferien angebrochen, aber da ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Kinder hatte, interessierte mich das wenig. Die Sonne schien, ließ auf ein Wochenende irgendwo am Wasser hoffen. Wir hatten als RTW-Besatzung Langeweile, genau wie das zweite Team und der NEF-Fahrer. Die zwölf Stunden-Schicht zog sich ohne nennenswerte Vorkommnisse hin, lediglich eine Fahrt verhinderte bislang die Nullrunde. Sogar unsere KTWs hatten wenig zu tun. Also lümmelten wir uns nach dem Mittagessen im Rudel auf die Sessel und Sofas der Rettungswache. „Booah, is datt langweilich! Haste mal’n Rätselheft für Omma?“ flachste einer, irgendwer meinte: „Jetzt ‘nen schönen VUVerkehrsunfall ...“ „Oh ja!“ „Och nö, lieber noch einen Kaffee!“ Selbst auf ostfriesischen Rettungswachen ist Kaffee der Treibstoff, der uns am Laufen hält. An so einem Tag allerdings nur zum Klo. VU ist übrigens die Abkürzung für Verkehrsunfall. Ein VU stellt uns vor Herausforderungen, die nicht nach Schema F ablaufen, wie z.B. ein Herzinfarkt. Wenn man die Herausforderung bewältigt, kann ein VU schön sein.

In diese träge Stimmung und Philosphie hinein platzte die erste Fünftonmelodie. Damals hatten wir noch FME, die analog arbeiteten und ab der Alarmierung auch das Mithören des Funkverkehrs erlaubten. Normalerweise heißt es Fünftonfolge, weil nach eben diesen Anfangstönen ein langes Piepen die anschließende Durchsage mit den Einsatzdaten einleitet. Mehr oder weniger gespannt warteten wir also auf den Grund der mittäglichen Ruhestörung. Diese erste Folge war nur der Anfang. Eine schier endlose Reihe von Alarmierungen ließ uns schlagartig wach werden. Die Stimme des Disponenten war bemüht ruhig: „ NEF-Einsatz aa/31, RTW-Einsatz für RD aa/41 und 42, bb/41, cc/41, dd/41 mit Notarzt! ee/41: Weiterfahrt mit Sonderrechten! Schwerer VU Bundesstraße 4xx, Ortsausgang L., Höhe E.“

Nix mehr mit rätselheft, nix mehr mit Kaffee. Dafür VU. Rein in die Schuhe, über den Hof in die Autos. Mein erfahrener Kollege übernimmt das Lenkrad. Ich als relativer Neuling greif mir den Funkhörer. Die einzelnen Fahrzeuge melden nacheinander Ausfahrt, warten begierig auf weitere Informationen. Ein Frontalzusammenstoß, mehrere Schwerverletzte, wenigstens einer eingeklemmt, "ChristophName für Rettungshubschrauber" kommt auch, ebenso die Feuerwehr- so viel erfahren wir auf den drei Kilometern zum Einsatzort. Die Anfahrt gestaltet sich ab der Ortsausfahrt einfach: vor uns staut sich der Freitagfeierabendverkehr, aber die Gegenfahrbahn ist komplett leer. Das lässt nichts Gutes vermuten.

Ein Transporter steht mittig, die Front zerstört. Am Straßenrand hängt ein Kombi halb im Graben, ebenfalls vorne deutlich zerstört. Durch ein Abschleppseil, das mit einem anderen Auto quer über die Straße gespannt wird, sichern Ersthelfer den Kombi vorm Abrutschen. Auf der anderen Seite des Wracks ersetzt ein Baum die B-Säule. Die ersten Fahrzeuge von uns sind da, ein RTW war zufällig in der Nähe. Die Kollegen schicken uns neben den Kombi, wo am Grabenrand ein Körper von zwei Erstelfern reanimiert wird, das blutige Gesicht mit einem Taschentuch abgedeckt.

Eine Frau, erkenne ich, als ich ihr das T-Shirt aufreiße, um das EKG zu kleben. Am Hals eine tiefe Wunde, wohl vom Gurt. Der Kollege versucht eine Intubation, die irgendwie gelingt. Wir versuchen, das Programm abzuspulen, bekommen mit, dass unser Notarzt irgendwo noch jemanden reanimiert. Um uns herum Martinshörer, Polizei, Feuerwehr, wir, mit immer noch mehr Fahrzeugen. Kommandos, dazwischen das Geräusch vom Christoph, der einen Landeplatz sucht. Ich bemerke ein Beinpaar in Sandalen und Shorts, das neben mir steht, während ich den Brustkorb bearbeite, die Beine haben Kratzer. Wohl einer der Helfer, die angefangen haben. Ein weiterer Kollege kommt, sucht Venen für die Infusion, findet was. Respekt. Die Beine verschwinden, das Leben auch. Die Pupillen werden immer unförmiger, Zeichen des Todes. Von irgendwo kommt ein Notarzt, guckt, bricht unsere Bemühungen ab.

Ich fange an, mich umzusehen. Überall wimmelt es von Feuerwehr, Polizei, Rettern. Auch Schaulustige. Über vierhundert sollen es gewesen sein, erfahre ich später. Die Bundesstraße hält sie gefangen. Im Auto wird’s heiß, hier ist Action, also kommen sie. Mein Blick fällt auf eine Person. Eine einzige Person, die für das Spektakel keinen Blick hat. Er sitzt auf der anderen Straßenseite, den Rücken zum Geschehen, schaut in die Weite der ostfriesischen Weiden. Ich geh zu ihm, erkenne zerkratzte Beine, Sandalen, Shorts. Oha, einer der ersten Helfer, dem jetzt klar wird, was passiert ist. „Kann ich helfen, geht es Ihnen gut?“ frage ich. „Wie geht es meiner Frau?“ fragt er.

Wir bringen ihn in unseren RTW, weichen seinen Fragen aus. Wir wissen es nicht, sagen wir, es sind schon Verletzte im Krankenhaus. Bis auf die Kratzer ist er weitgehend unverletzt. Sie kommen aus Brandenburg, wollten Urlaub machen, ab heute. Hatten sich ein Ferienhaus gemietet, waren Einkaufen. Auf dem Rückweg war da der Transporter, plötzlich auf ihrer Fahrbahn. Er hatte vorne rechts gesessen, seine Frau hinter ihm, das befreundete Ehepaar links.

Die Bilanz: aus dem Kombi sind der Fahrer und die Beifahrerin von hinten rechts tot, die Frau des Fahrers hinten links schwer verletzt, der Beifahrer leicht. Der Fahrer des Transporters ist ebenfalls schwer verletzt, warum vermutlich er auf die Gegenfahrbahn gekommen ist, weiß ich bis heute nicht.

Auf der Wache war der Kaffee kalt. Wochen später stand in unserer Ortszeitung eine Anzeige, in der sich ein Mann und eine Frau aus Brandenburg für die Hilfe bedankten, die ihnen bei einem Verkehrsunfall zuteilwurde, an einem Sommertag. Schöne Sommertage gibt es immer noch, schöne VU nicht mehr.

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