22.09.2010
Der Autobahn-Einsatz
Autor: AlltagImRettungsdienst
Meine Lieblingskollegin und ich sind quasi die ganze Nacht schon unterwegs. Es ist Wochenende und wir haben die umliegenden Discotheken abgegrast und dazwischen einige kranke Menschen ins Krankenhaus gefahren. Es ist kurz vor Feierabend und wir haben unseren letzten Patienten in der Klinik abgeliefert und befinden uns gerade auf dem Rückweg zur Wache, als die Leitstelle den RTWRettungs-Transportwagen und das NEFNotfall-Einsatzfahrzeug der Stadt chirurgisch auf die Autobahn alarmiert. Chantale und ich schaun uns kurz an, wir stehen für diesen Einsatz günstiger als der RTWRettungs-Transportwagen und ich greife zum Funkhörer. Die Leitstelle teilt uns dem Einsatz zu, und Chantale drückt aufs Gas.
Die Straßen sind leer und so erreichen wir schnell die Autobahnauffahrt. Hier ist noch nichts zu sehen. Wir denken noch so, okay ist vielleicht nichts Größeres. In diesem Moment alarmiert unsere Störstelle die für die Autobahn zustandige Feuerwehr zum Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person. Oha, denke ich mir, scheint doch was Größeres zu sein. Wir werden die ersten sein, also heißt es, erst mal erkunden und Lagemeldung absetzen. Als wir die nächste Auffahrt in der Ferne sehen, hat sich ein Stau gebildet. Die Polizei hat die Autobahn schon voll gesperrt. Wir passieren den Stau und haben nun freie Fahrt. Als wir um die nächste Kurve kommen, sehen wir eine Menge Polizeifahrzeuge. Wir wundern uns ein bisschen, aber wir haben keine Zeit uns großartig Gedanken zu machen, denn schon haben wir die Unfallstelle erreicht.
Viele aufgelöste Polizisten laufen herum und ich wundere mich noch mehr. Wir werden lautstark heran gewunken und nun sehe und verstehe ich dieses ganze Szenario. Im Straßengraben liegt ein schwerverletzter Polizist. Wir packen unsere Gerätschaften drum herum und fangen an. Chantale versucht von den umstehenden Kollegen etwas zu erfahren, was nicht einfach ist. Aber sie erfährt, dass der Polizist eine Unfallstelle absichern wollte und dabei von einem PKW angefahren worden ist. Für den jungen Mann sieht es verdammt schlecht aus, kein Kreislauf und ein bretthartes Abdomen. Wir beginnen mit der Reanimation so gut dies im Straßengraben geht. Zum Glück trifft das NEF in diesem Moment ein und wir können jetzt mit vier Mann arbeiten. Der NEF Fahrer schaut kurz nach dem PKW Fahrer und fordert einen weiteren RTW für diesen an. Wir müssen so schnell wie möglich in den nächsten Schockraum, damit der junge Mann überhaupt noch eine Chance hat.
Die Feuerwehr hilft uns beim Transport in den RTW, der Patient hat immer noch keinen Kreislauf. Wir überlegen kurz gemeinsam, ob wir aufhören, entscheiden aber dann, es zumindest zu versuchen. Wenn wir jetzt aufhören, da sind wir uns sicher, bricht hier ein noch größeres Chaos aus. Fast alle Kollegen des jungen Mannes stehen um unser Fahrzeug und hoffen und bangen. Unser NEF Fahrer lässt sein Auto stehen und setzt sich ans Steuer. Wir arbeiten hinten zu dritt und wechseln uns beim Drücken ab. Der Notarzt meldet uns im Schockraum an und wir drehen auf der Autobahn und fahren als Geisterfahrer in Richtung Klinik.
Als wir dort eintreffen, hat unser Patient immer noch keinen Kreislauf. Wir übergeben ihn an das Team des Krankenhauses und verlassen schweigend den Raum. Fünf Minuten später erscheint der diensthabende Chirurg und teilt uns mit, dass der Mann es nicht geschafft hat. Wir sind alle wie erschlagen und sitzen stumm herum. Jeder hängt seinen Gedanken hinter her.
Später erfahren wir noch, dass der junge Kollege eigentlich nur als Aushilfe bei der hiesigen Polizei gerabeitet hat und in kürze Vater geworden wäre.
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